Politik : Wer hat Angst vorm eigenen Geld?

Viele Deutsche sind Finanz-Analphabeten – vor allem Frauen delegieren die Wertanlage

Nora Luttmer

„Über Geld spricht man nicht.“ Erstaunlich viele Deutsche beherzigen diese alte deutsche Redewendung offenbar noch immer. Schlimmer noch: Sie verbieten sich auch das Denken über Geld und Geldanlage. Zu diesem Ergebnis kommen zwei neue Studien, die in dieser Woche vorgestellt wurden. Die Bertelsmann-Stiftung beklagt gar ein weit verbreitetes „Finanz-Analphabetentum“. Selbst in Kreisen gebildeter und gut verdienender Familien halte jeder Vierte Aktien für eine besonders sichere Sache – und das, obwohl der Crash an den Börsen gerade erst überwunden ist.

Die Commerzbank hat ein Marktforschungsinstitut beauftragt, die „Psychologie des Geldes“ und die Haltung der Deutschen zur Geldanlage zu ergründen. Die Marktforscher stellten fest, dass eine Mischung aus Scham- und Neidgefühl die Deutschen davon abhält, offen über Geld zu reden und sich damit zu beschäftigen, es anzulegen und zu vermehren.

Böse Nachrichten, nicht nur für die Bank. Denn wer sich nicht mit den eigenen Finanzen beschäftigen könne, der sei „nicht lebenstüchtig“, warnt Stefan Hradil, Professor für Soziologie an der Universität Mainz. Dramatische Versorgungslücken drohen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Der Vorwurf des Professors trifft besonders Frauen. Denn vor allem die sind so genannte „Delegierer“. Die wälzen Finanzangelegenheiten möglichst auf den Ehepartner ab. Das ist gefährlich. Wenn nämlich der Partner stirbt oder man sich trennt, stelle der „Delegierer“ oft fest, dass er oder sie für das Alter nicht ordentlich vorgesorgt hat. Dann aber lasse sich die Lücke kaum noch auffüllen. Und: Wer seine Geldanlagen ähnlich handhabt wie die Steuerklärung, tappt in eine zweite Falle. Weil es nämlich im Gegensatz zur Steuererklärung keinen verbindlichen Abgabetermin gibt, werden Geldentscheidungen immer wieder verschoben, auch wenn die Formulare dafür schon wochenlang auf dem Schreibtisch liegen.

Ein kleiner Trost: Überfordert mit der Geldanlage sind auch die anderen. Die meisten Befragten klagen, dass Geldanlagefragen zu kompliziert seien, und dass man keinem Ratgeber trauen könne. Das sei eine Aufgabe für Renate Künast, sagt die Bertelsmann-Stiftung: Die Verbraucherministerin soll die Banken und Versicherungen dazu bringen, die Finanzprodukte für den Kunden vergleichbar zu machen.

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