Politik : Wer ist Gregor Gysi?

Sabine Beikler

GREGOR GYSI WIRKT OFT EITEL. IST ER WIRKLICH SO – UND INWIEWEIT BESTIMMT DAS SEI N HANDELN?

Gysi und die Eitelkeit sind eine perfekte Symbiose. Er zelebriert seine Abgänge und Comebacks als PDS-Spitzenkandidat, Parteichef, Fraktionsvorsitzender, Berliner Wirtschaftssenator so publikumswirksam wie kaum ein anderer. Wie ein Pfau stolziert er vor den Kameras, spreizt sein Gefieder, scharwenzelt um seine Genossen, lässt sich bitten, testet Freunde und Feinde aus und legt ein ausgeprägtes Imponiergehabe an den Tag. Gysi will bewundert werden. Nach seinem Rücktritt als Berliner Wirtschaftssenator kurz vor den Bundestagswahlen 2002 grollte ihm die Partei gewaltig, machte ihn und seine „Fahnenflucht“ mitverantwortlich für den verpatzten Wiedereinzug in den Bundestag. Erstmals spürte er, der sozialistische Freigeist, der sich bisher alles erlauben durfte, brüske Ablehnung. Warum nur nimmt ihm niemand seine Zerknirschtheit über privat genutzte Bonusmeilen der Lufthansa als Rücktrittsgrund ab? Das versteht Gysi nicht, der zur Selbstüberschätzung neigt, zur moralischen Überhöhung der eigenen Person. Er spielt auch dann noch den Tugendwächter, wenn ihm niemand mehr Glauben schenkt.

Wie eine beleidigte Diva zog er sich damals zurück und begann erstmals nach der Wende, in seinem eigentlichen Beruf als Anwalt in einer West-Berliner Kanzlei zu arbeiten. Das mönchische Dasein ohne Politik aber hielt er nicht lange aus. Und mochten auch die Genossen einen Bogen um ihn herum machen: Es gibt ja andere Adressaten. So schrieb er Anfang 2003 an den „lieben Gerhard Schröder“ und zollte ihm schriftlich Hochachtung vor seiner Irakpolitik. „Gestatte mir, dir zunächst meinen Respekt dafür auszusprechen, wie konsequent und mutig du gegenwärtig außenpolitisch auftrittst.“ Damit aber nicht genug – Gysi bot Schröder gar seine Unterstützung an: „Ich versuche auch, dies in Kolumnen und bei anderer Gelegenheit entsprechend zu betonen“, schrieb er.

Gysi will imponieren – und er will geliebt werden. Als er 1990 in den Bundestag einzog, habe er viel Hass gespürt, aber er habe „beschlossen, nicht zurückzuhassen“, sagt er heute. Die Anerkennung als Vollblutpolitiker hat er sich durch ein feines Gespür für den richtigen Tonfall in jeder Situation über die Jahre erarbeitet. Bis zu dem Tag, an dem er selbst von Helmut Kohl Beifall bekam. Das hat ihm schon sehr geschmeichelt, die Feierstunde des Bundestags vor fünf Jahren zum zehnten Jahrestag der ersten freien DDR-Volkskammerwahlen vom 18. März 1990.

Schwer zugesetzt haben ihm dagegen die Stasi-Vorwürfe, hinter denen Mandantenverrat stand. Gysi hat die Vorwürfe stets bestritten, aber trotzdem stellte der Immunitätsausschuss des Bundestages 1998 in der Bundestagsdrucksache 13/10893 eine IM-Tätigkeit „als erwiesen“ fest. Sein Image hat damals erste Kratzer abgekriegt. Als er sich in der Folge bei den parteiinternen Auseinandersetzungen über UN-Einsätze der Bundeswehr nicht mehr durchsetzen konnte, quittierte er frustriert und gelangweilt erst den Fraktionsvorsitz, zwei Jahre später zog er sich ganz aus der Politik zurück.

Geht es aber um sein seit Jahren verfolgtes Ziel, die West- und die Ost-Linke zu vereinigen, dann muss er ran und überlässt niemandem das Feld. Da paart sich seine Eitelkeit mit Ehrgeiz. Als er vor zwei Tagen seine Spitzenkandidatur bekannt gab, antwortete er auf die Frage, warum er glaube, wichtig für die PDS zu sein: „Ich glaube, ich sage, was ich denke.“ Und fügte schnell hinzu: „Ich war ja auch einer der Gründer der PDS.“ Kaum einer zweifelt daran: Nur er kann ein Linksbündnis schmieden, nur er schafft das Wiedererstarken der PDS.

GYSI IST EIN BRILLANTER RHETORIKER, HÄUFIG IST ES SEINE WORTGEWANDTHEIT, DIE IHN ANS ZIEL BRINGT. WIE SEHR GLAUBT ER AN DAS, WAS ER SAGT?

„Meiner ganzen Entwicklung widerspräche es, würde ich es beim Anwaltsberuf belassen“ schreibt Gysi in seinem Buch „Was nun?“. Der kleine Mann – „einsvierundsechzigeinhalb am Morgen“, gibt er gern an – hat das Reden früh gelernt. Als Kind synchronisiert er Filme, sowjetische Komödien. Die Freunde johlen, wenn sein Name im Abspann läuft. Gysi hat das Schauspielern, die große Klappe, gelernt, verbunden mit einem seltenen rhetorischen Talent. Er braucht neben Plädoyers im Gerichtssaal eine Bühne mit vielen Zuschauern. Er denkt, er spricht am besten in freier Rede. Was er sucht, ist die Herausforderung, die positive Resonanz der großen Menge. Er kann sich so sehr in seine eigenen Gedanken verlieben, dass es ihn davonträgt. Gysi ist zugleich ein guter Zuhörer, der das Gesagte schnell zusammenfassen und es als seine Idee verkaufen kann. Aber er hat auch eine Gabe wie wenige Politiker: Ihn umgibt keine Aura der Unnahbarkeit, er hat diese instinktive Wachsamkeit, schaut den Menschen auf den Mund und gießt Unzufriedenheit und Wünsche in bilderhafte, nachvollziehbare Worte. Gysi glaubt hundertprozentig an das, was er sagt. „Ich bin demokratischer Sozialist“, bekennt er aus voller Überzeugung. Er will den Kapitalismus gar nicht mal überwinden, aber er will andere Strukturen. Unter „Neoliberalismus“ subsumiert er das, was für ihn die „Dominanz der Kapitalinteressen“ ausmacht: Steuerpolitik, Globalisierung, soziale Ungerechtigkeit. Dagegen kämpft er. Und er sucht sich immer Sparringspartner, an denen er sich messen kann. Er muss siegen, weil er ein schlechter Verlierer ist. Zu DDR-Zeiten brachte er einmal von einer Auslandsreise das Wissensspiel „Trivial Pursuit“ mit nach Ost-Berlin. Voller Begeisterung spielte er es mit seinem langjährigen Freund Lothar de Maizière. Als de Maizière allerdings dreimal hintereinander gewonnen hatte, wollte Gysi nicht mehr weitermachen. Trivial Pursuit war danach kein Thema mehr.

HAT SEINE KRANKHEIT IHN VERÄNDERT?

Früher hat er sich fünf dicke Aktenberge gleichzeitig vorlegen lassen und sie wie ein Besessener bis in die Nacht hinein durchgearbeitet. Heute schaut er sich Unterlagen der Reihe nach an und kann sie schon mal bis zum nächsten Tag liegen lassen. Er ist ruhiger, bedächtiger und nachdenklicher geworden. Hat er seinen Körper früher für unbesiegbar gehalten, weiß er heute um die eigene Verletzlichkeit. Das macht ihn unsicher. Er ist nicht abgeklärt, wenn er über seine drei Herzinfarkte, seine vier Stents und seine Hirnoperation spricht. Sein Umgang mit Krankheit ist passiv, distanziert. „Man muss das Leben so organisieren, dass die Gefahr nicht kommt“, sagt er. Ein untypischer Gysi-Satz. Ohne die Selbstironie, die er sonst so liebt und mit der er auch gern kokettiert. Wenn es ernst wird, fehlen ihm die Pointen. Früher hat er täglich zwei bis drei Packungen Marlboro pro Tag geraucht. Heute freut er sich, dass er die Sucht überwunden hat. „Wissen Sie, was das für eine Befreiung ist, nicht mehr nachts mit dem Auto zur Tankstelle zu fahren, um Zigaretten zu holen?“ Dass er aber wegen seiner Herzprobleme nicht mehr fliegen darf, das wurmt den Hobbypiloten Gysi enorm.

Kürzer treten will er jetzt, keinen „Ausbeutungsstress“ wie in den Jahren zuvor. „Fünf Kundgebungen an einem Tag, da kriegste ’ne Macke“, sagt er. Auch die Scheinwerferlichter in den Talkshows seien ihm nicht mehr so wichtig. Sagt er. Wer aber sitzt an diesem Sonntagabend in der Sendung von Sabine Christiansen? Friedrich Merz, Heinrich von Pierer, Wolfgang Clement – und Gregor Gysi.

WIE WICHTIG IST IHM SEIN PRIVATLEBEN?

Früher dachte er selbst beim Spielen mit seiner neunjährigen Tochter Anna noch an die Politik. Heute konzentriert er sich bewusst auf seine Familie. „Anna ist sein ganzes Glück“, erzählen Freunde. Seit 1996 ist Gregor Gysi mit der Anwältin und früheren PDS-Bundestagsabgeordeten Andrea Gysi verheiratet. Auch zu seinem Sohn George, den Gysi nach seiner Scheidung allein aufzog, und zu seinem Adoptivsohn Daniel hat Gysi enge Kontakte. Wenn er dem Trubel in der Großstadt entfliehen will, zieht sich Gysi in seine Datsche in Buckow in der Märkischen Schweiz zurück. Aber Gärtnern oder Handwerken – das ist nicht sein Ding. Freunde attestieren ihm „zwei linke Hände“. Auch seine Kochkünste halten sich in Grenzen. „Was Gregor kocht, kann man nicht genießen“, heißt es. Lieber trifft er sich mit Freunden, plaudert bei einem Glas Rotwein über Filme, Bücher oder Theaterstücke, liest Essays und hört gern klassische Musik, auch wenn er keine Noten lesen kann.

Aber so wichtig ihm sein Privatleben auch ist: Gysi ist und bleibt ein „Polit-Junkie“. Für ihn geht es nach der Rückkehr in die Politik um sein Renommee. Er hat es zwar geschafft, das sozialistische Schmuddelimage der PDS aufzupolieren. Die Partei hat ihm die Öffnung zur westlichen Gesellschaft zu verdanken. Aber was noch? Er hat jetzt die Chance, sich gemeinsam mit Oskar Lafontaine als Architekt einer gesamtdeutschen Linken in Ost und West zu etablieren. Eine solche Bühne hatte selbst Gysi noch nie.

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