Politik : Wer ist Helmut Kohl?

Stephan-Andreas Casdorff

WELCHE VON HELMUT KOHLS EIGENSCHAFTEN HABEN DEUTSCHLAND ZU SEINER AKTIVEN ZEIT GEPRÄGT?

Vielleicht zeigt es eine Geschichte von 1989 am besten. Es war vor dem Rausch der Einheit. Helmut Kohl ist kurz vor dem Ende, innenpolitisch gesehen. In seiner Partei, der CDU, mehren sich die Stimmen, die sagen, er solle aufhören. Es haben sich schon mehrere Male „Rebellen“ getroffen, Heiner Geißler, Lothar Späth, Rita Süssmuth. Auch Norbert Blüm hat sich kurz zu ihnen verirrt. Späth, der baden-württembergische Ministerpräsident, „das Cleverle“ genannt, soll Kohl herausfordern, auf dem Parteitag in Bremen gegen ihn antreten.

Und da sitzt er nun, Kohl, hoch aufragend, auf seinem Platz in der Mitte des Podiums. Das Jackett abgelegt, die Ärmel aufgekrempelt. Er sitzt und sitzt und sitzt, stundenlang. Unten im Saal aber laufen sie für ihn, seine Gefolgsmänner, um ihm die Mehrheit zu organisieren. Auch bei den Baden-Württembergern hat er nicht nur einen. Die Abstimmung gewinnt Kohl überlegen. Er hat geredet, dass es wie eine Drohung klang. Er hat seinen Anspruch klar gemacht, zum taktisch richtigen Zeitpunkt, das hat gewirkt. Kohl kennt seine Partei.

„Aussitzen“, das Wort hat danach einen besonderen Klang. Es wurde ja gerne gegen ihn ins Feld geführt. Was aber in Bremen kaum einer wusste: Kohl hatte höllische Prostata-Schmerzen. Und hielt dennoch durch.

Das ist es, was in Deutschland Eindruck hinterlassen hat, was viele Deutsche so sehr beeindruckte: Wie er durchhalten konnte; wie er sich nicht nur Gefolge schaffte, sondern treue Gefolgschaft sicherte; wie oft er ein untrügliches Gespür nicht nur für Macht, sondern für den richtigen Zeitpunkt zum Handeln hatte. Und wenn es bedeutete, zu warten. Keine Frage: Kohl konnte auf Siege warten.

WAS BEDEUTET IHM MACHT UND WIE ÜBT ER SIE AUS?

„Wer mich kennt, weiß, dass ich Umgang mit der Macht gelernt habe und dass ich etwas davon verstehe.“ Das hat er selber gesagt – und es stimmt. Früher war er eitel. Da ist er, zum ersten Mal zum Mainzer Ministerpräsidenten gewählt, mit dem Stander durch seine Heimatstadt Ludwigshafen gefahren. Das hat er selber erzählt, leicht glucksend, fast selbstironisch. Aber im Ernst: Macht war ihm zum Schluss alles. Die Partei machte er sich untertan, das hat Konrad Adenauer nicht geschafft. Zu Anfang seiner großen Karriere war das anders, da galt Kohl als hoffnungsvoller „Reformer“. Sogar „dieses Magazin aus Hamburg“, das er nicht (selber) liest, der „Spiegel“, sah ihn so. Ob er sich geändert hat, Freude an der Macht empfindet? Auf diese Fragen hat er 1992, nach zehn Jahren im Amt, geantwortet: „Das hat mehr mit Eitelkeit zu tun. Mich freut, wenn ich gestalten kann.“ Große Worte, aber er scheut sie nicht.

Machtausübung gehört zum Geschäft. Aber bei Kohl war es, wie Novalis schreibt: „Doch für uns ist Handeln Leben/Macht zu üben nur Genuss.“ Er konnte Menschen gewinnen, weil er wie ein Mensch daherkam. Noch eine kleine Geschichte: Parteitag in Wiesbaden. Kohl betritt den Saal, geht durch die Mitte, vor ihm Walter Wallmann. Da kommt aus den Reihen der Delegierten ein Mann auf Kohl zu, Sicherheitsbeamte wollen ihn abdrängen, Kohl hebt nur kurz gebieterisch die Hand, lässt ihn vor. Der Mann sagt seinen Namen, ein Kreisvorsitzender – und Kohl sagt: „Ich kenne Sie doch. Wie geht es Ihrer Frau?“ Die Frau war krank gewesen, und Kohl hatte es nicht vergessen. Er vergisst nichts und niemanden.

Ja, was er nicht alles aus der Partei wusste. Da war er im Übrigen dem großen Sozialdemokraten Willy Brandt nicht unähnlich, solches Wissen hatten beide. Und respektierten einander auch dafür. Kohl hat telefoniert, das tut er bis heute, stundenlang und tief in die Partei hinein. Aber nicht nur in die. Auch Beteiligungsverhältnisse bei Verlagen kennt er ja, bis auf die Stellen hinterm Komma. Welcher Journalist früher JU-Chef in Oberursel war, das weiß er sowieso. Und wie viele Granden der Partei er gefördert hat, von Blüm bis, halten zu Gnaden, Weizsäcker!

Strauß selig hatte seinerzeit Recht, irgendwie: An Kohl konnte man sehen, dass eigentlich jeder Kanzler werden kann. Dachte er, dachten viele. Denkste.

HAT HELMUT KOHL SICH MIT ZUNEHMENDEM ALTER VERÄNDERT?

Er war nicht immer so, nicht immer selbstgerecht. Er war früher stürmisch (auch als linker Läufer im Ludwigshafener Fußballverein), ein Drängender, einer, der verändern wollte. In Rheinland-Pfalz waren es die „Glorreichen Vier“, in der Bundes-CDU Männer wie Kurt Biedenkopf – damals hatte er noch Sinn für Widerspruch.

Aber wie das so ist: Je länger er die Macht hatte, ganz oben stand, „wo einen jeder Wind anweht“, desto einsamer wurde er – und wurden seine Entscheidungen. Soll keiner glauben, Eduard Ackermann, der Getreue, sein Medienberater über Jahre, hätte ihn beeinflussen können. Das konnte vorher, in Mainzer Zeiten, noch Hennes Schreiner. Und später im Kanzleramt als sein Minister, Wolfgang Schäuble. An dem hing Kohl. Jedenfalls sagte er es immer so, und er glaubte es sich auch. Aber hat er auf Schäuble wirklich gehört? Hätte er es, wäre der heute Kanzler.

Und Kohl hätte die Spendernamen der unsäglichen Affäre um schwarze Konten genannt, anstatt auf einem – in diesem Fall – fragwürdigen Ehrenwort zu beharren. Übrigens bis heute. Sogar den Ehrenvorsitz der Partei, seiner „Heimat“, hat er dafür aufgegeben. Aber er lässt sich jetzt doch sagen, dass das Verschweigen der Spendernamen ein Fehler gewesen sein könnte.

Für Kohl gibt es auch bis heute drei Kategorien: Freund, Feind, uninteressante Personen. Besser, man ist nicht Feind. Geißler hat gesehen, was dann passiert. Der Einzige, der es je geschafft hat, aus dieser Kategorie herauszukommen, war Gerhard Stoltenberg. Er war einer der Großen in der CDU, war Ministerpräsident, Finanzminister, Verteidigungsminister. Stoltenberg hatte auch einmal das informelle Angebot, Kohl als Kanzler zu ersetzen. Aber für ihn war es eine Frage der Ehre, wie er sagte, das abzulehnen. Wer würde das je vergessen? Interessant wäre die Antwort auf die Frage, was Blüm und Schäuble heute für Kohl sind. Sind sie Feinde? Oder nur uninteressante Personen?

Eines hat sich aber nie geändert: sein Verhältnis zur „Famillje“. Walter und Peter, seine Söhne, und deren Frauen und Kinder hat er immer geschützt, auch vor der Öffentlichkeit. Heute werden sie gemeinsam am Grab von Hannelore sein.

WELCHE SEHNSUCHT DER DEUTSCHEN UND DER EUROPÄER VERBINDET SICH MIT KOHL?

Die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit in der rheinisch geprägten Republik, in der die Rente noch sicher war und alles andere auch. Nach der Zeit, als Eucken und Müller-Armack und Nell-Breuning noch Namen waren, mit denen die Politiker der CDU etwas anfangen konnten. Inhaltlich. Kohl konnte das. Deswegen ist er auch so ein Gegner des „Thatcherismus“, ist es immer geblieben. Kohl, ein Gigant des Stillhaltens – und das als Mann des Fortschritts. Er reformierte und privatisierte und deregulierte mehr als alle seine Vorgänger. Nur ganz zum Schluss, da wollte er lieber weniger verändern und mehr auf Nummer sicher gehen. Trotz Euro und Vereinigung, wo er war, da schien Sicherheit zu sein und nicht zu viel Veränderung. Sicherheit statt Sozialismus, das hätte seine Parole sein können. Oder, gemessen an dem, was heute ist: Sicherheit mit Sozialdemokratismus. Das hörte auch jetzt bestimmt eine Mehrheit gerne.

Und dann seine Liebe zu Europa. Er sprach zwar immer von „unserem deutschen Vaterland“ und zögerte lange, den Vertriebenen im deutsch-deutschen Vereinigungsprozess Grenzen aufzuzeigen – aber Europa als politische Idee fasziniert ihn, rührt ihn. Zu Tränen. Wie Kohl und Mitterrand einander über den Gräbern von Verdun die Hand reichten! Sein Bruder ist im Krieg gefallen.„Ein geeintes Europa zu schaffen, entscheidet über den Frieden im 21. Jahrhundert“, hat er immer wieder gesagt. Und dass die Einheit Europas zur Vereinigung Deutschlands gehöre wie zwei Seiten zu einer Medaille. Selbst die „taz“ hat ihm dafür Respekt gezollt.

In beiden Fällen war er berechenbar, verlässlich, eine Größe. Zum Schluss war es doch so: Wenn Kohl im Hinblick auf Europa sagte, es ist gut, dann war es auch gut. Wer wollte schon noch widersprechen. Auch in solchen Fällen konnte er sitzen, auf EU-Gipfeln warten, durchhalten, siegen. Dass es EU-Europa gibt, ist mit sein Verdienst. Deshalb ist er, nach Jean Monnet, der zweite Ehrenbürger Europas. Erst der zweite.

Pater familias, Patriarch, Übervater – das sind die Begriffe, die sich mit Kohl verbinden, trotz der Affären. Und 16 Jahre Kanzlerschaft, mit historischen Einschnitten, die gemeistert wurden. Mit ihm. Von ihm. Die Vergangenheit verklärt und klärt manches. Seine Renaissance beginnt ja schon.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben