Politik : „Wer kann, geht in den Westen“

Die ostdeutschen Uniärzte hadern mit dem Tarifabschluss – er hat das Gehaltsgefälle noch vergrößert

Rainer Woratschka

Berlin - Die erste Reaktion in den ostdeutschen Unikliniken war Zorn und Empörung. Inzwischen herrscht eher Resignation. „Die Westdeutschen haben uns hinten runterfallen lassen“, konstatiert Wolf Diemer, Oberarzt am Universitätsklinikum Greifswald. Doch allein, so fügt er hinzu, hätte man noch weniger erreicht im monatelangen Tarifkonflikt mit den Ländern. Schließlich stelle der Osten nur ein Fünftel der deutschen Unikliniken.

Bis 3. Juli will der Marburger Bund (MB) die Urabstimmung zum Tarifkompromiss über die Bühne haben – und besonders sorgt man sich im Bundesverband um das Votum der ostdeutschen Mitglieder. Denn die haben mit Gehaltserhöhung und besseren Arbeitsbedingungen auch eine dicke Kröte zu schlucken bekommen. Das Gefälle zwischen Ost- und Westgehältern bleibt nicht nur bestehen, es verstärkt sich wegen unterschiedlich langer Arbeitszeiten sogar noch.

„Statt 92,5 Prozent bekommen wir jetzt nur noch 88 Prozent der Westgehälter“, sagt Ärztesprecher Diemer. Dabei sei die Arbeitszeitdifferenz rein virtuell. Auch im Osten kämen Uniärzte auf eine 60- Stunden-Woche. „Der Osten wird mit diesem Tarifabschluss große Probleme bekommen“, räumt MB-Chef Frank Ulrich Montgomery ein. Die Schere zu schließen sei aber nicht möglich gewesen, das Nein der ostdeutschen Finanzminister habe „wie ein eiserner Vorhang“ gestanden.

Das schlimme Ergebnis sei nicht dem Verband, sondern „zu 100 Prozent der Ignoranz der ostdeutschen Finanzminister“ geschuldet, meint Stephan Röttig vom Uniklinikum Halle. Statt sich zu ärgern, stellten sich viele Kollegen nun „nur noch die Frage, wann sie ihre Koffer packen sollen“. In Halle seien schon jetzt ganze Stationen ohne Arzt, auch Lehrstühle seien nicht mehr zu besetzen. „Wir kommen in einen Teufelskreis.“

An größeren Unikliniken ist die Situation nicht viel besser. „Die Ärzte schauen sich anderswo um“, sagt Cordula Röhm vom Uniklinikum Leipzig. „Wer kann, geht in den Westen“, meint ihre Dresdner Kollegin Anette Ditzen. „Wer bei dem Gehaltsgefälle im Osten bleibt, ist bescheuert“, sagt Tim Rehders vom Uniklinikum Rostock. Es drohe ein „Massenexodus“ schrieben die ostdeutschen Ärztesprecher an die Bundeskanzlerin. Durch die „Zementierung von unterschiedlichen Güteklassen ärztlicher Arbeit in einem geeinten Deutschland“ werde sich „der bereits jetzt abzeichnende Kollaps des ostdeutschen Gesundheitswesens dramatisch beschleunigen“.

Eine Antwort bekamen sie bisher nur aus Schwerin. Die Ärzte redeten den Exodus herbei, schimpfte Finanzministerin Sigrid Keler (SPD). Dadurch fügten sie ihren Kliniken schweren Schaden zu.

So ist auch kaum zu erwarten, dass die Öffnungsklausel im Tarifvertrag den ostdeutschen Ärzten noch einen Nachschlag bringt. Im Gegenteil: Die Gehaltsschere könnte sich dadurch noch mehr spreizen. Bayern und Baden-Württemberg haben bereits durchblicken lassen, dass sie ihren Uniärzten noch etwas drauflegen könnten. Kein Thema, heißt es hingegen aus dem Magdeburger Finanzministerium. „Der Südwesten signalisiert uns: Ihr seid willkommen, wir schätzen eure Arbeit“, folgert Ärztesprecher Röttig daraus. „Im Osten hören wir: Ihr seid uns scheißegal.“

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