Politik : Wer Mitgefühl verdient

SADDAMS FESTNAHME

-

Von Christoph von Marschall

Große Momente kommen manchmal erschreckend nüchtern daher. Saddam Hussein gefasst: Auf diese befreiende Nachricht hat Amerika, haben die meisten Iraker seit Monaten sehnlichst gewartet. Der Jubel ist so verständlich – und wirkt doch ein wenig schal. Wie man ihn da sieht, als gealterten, verbrauchten Mann mit wirrem Haar, die Munduntersuchung schicksalsergeben hinnehmend, eben erst aus dem Erdloch geholt, in dem er sich seit Wochen versteckte, das weckt erst einmal ungläubiges Staunen. Das soll der Kopf des Widerstands sein, der die Supermacht Amerika seit einem halben Jahr schwach und hilflos aussehen ließ – außer Stande, ihren raschen militärischen Sieg in einen dauerhaften Triumph über die Diktatur umzumünzen? Ohne die Aura der Macht sind die Saddams, Milosevics, Ceausescus und Pol Pots dieser Welt ziemlich jämmerliche Gestalten.

Man könnte fast Mitleid mit dem Menschen Saddam haben. Und fragen, ob es nicht gegen seine Würde verstößt, solche Bilder zu zeigen. Doch auch wenn dieser Körper nichts mehr von den stolzen Posen früherer Jahre ausstrahlt: Dies ist der Tyrann, der Tausende Iraker foltern und ermorden ließ, der Nachbarländer überfiel, Giftgas einsetzte und Raketen auf Israel schoss. Die Bilder seiner Festnahme und der Überprüfung seiner Identität müssen wohl gezeigt werden, damit alle endgültig wissen: Es ist vorbei, Saddam und sein Regime kehren nicht zurück. Für seine Anhänger hat es keinen Sinn mehr weiterzukämpfen; und die vielen anderen Iraker müssen sich nicht mehr fürchten, können offen den Aufbau eines neuen Irak unterstützen.

Aber ist es nun auch vorbei mit dem Widerstand, den Selbstmordattentaten auf die Koalitionstruppen, die UN, das Rote Kreuz und all die anderen Helfer? Bringt Saddams Ergreifung die Wende zum Besseren – nicht nur für Präsident Bush, der solche Erfolgsmeldungen angesichts der verfahrenen Lage im Irak und der Skandale um die Auftragsvergabe gut gebrauchen kann, sondern, mehr noch, für die irakischen Bürger? Das ist zunächst nur eine Hoffnung. In Rumänien ging dieses Kalkül 1989 beim Sturz des Diktators Ceausescu auf: Noch Tage nach seiner Flucht hatte seine Geheimpolizei Securitate gegen die Armee gekämpft und die Bevölkerung terrorisiert. Erst als Ceausescu und seine Frau zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden, brach der Widerstand schlagartig zusammen.

Im Irak ist die Lage komplizierter. Saddams Getreue sind nicht die einzigen Feinde der Normalisierung. Welchen Anteil sie an den Überfällen und Attentaten haben, ist umstritten; womöglich steigern sie aus Wut zunächst die Gewalt. Für andere Terrorgruppen – islamische Fundamentalisten und aus dem Ausland eingesickerte Kämpfer, die für Al Qaida bomben, – macht Saddams Festnahme keinen Unterschied. Sie werden sich weiter bemühen, jeden Fortschritt zu sabotieren.

In dieser Lage eröffnet der Schlag gegen Saddam der US-Regierung auch eine Chance, die Stimmung zu drehen. In den ersten Reaktionen hat sie die Ergreifung des Diktators weniger als amerikanischen Erfolg dargestellt – das auch, aber nur am Rande –, sondern als Triumph des irakischen Volkes und des irakischen Regierungsrats. Das muss auch der Leitgedanke sein bei den Überlegungen, was nun mit Saddam geschehen soll. Er gehört vor ein irakisches Tribunal, die Vertreter seines Volkes sollen über ihn richten: im Namen der ungezählten Opfer; ihnen ist er zuallererst Rechenschaft schuldig. Ein internationales Strafgericht wäre nur die zweitbeste Lösung, falls die Iraker sich weigern, ihm auch die Verbrechen gegen andere Völker zur Last zu legen, das Giftgas gegen Iraner, den Überfall auf Kuwait – aus einem falsch verstandenen Nationalstolz, wie das in Serbien im Fall Milosevic geschah. Der musste nach Den Haag, weil nationale Kräfte eine Anklage wegen der Vertreibungskriege in Bosnien und im Kosovo verhindern wollten. Keinesfalls gehört Saddam nach Guantanamo oder vor US-Sondergerichte; aber das sieht offenbar auch Amerika so. Dies war kein Privatkrieg der Bush-Familie. Es geht um historische Gerechtigkeit und die Zukunft des Mittleren Ostens.

Die Iraker müssen Saddam den Prozess machen. Um sich emotional und mental von ihm zu befreien. Dann bekommt der Aufbau einer neuen, freieren Ordnung eine Chance. Endlich.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar