Politik : Wer Nachfolger wird, ist unklar, nicht aber seine Aufgaben (Kommentar)

Malte Lehming

Das Amt hat Gewicht und einen langen Namen: der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Und in gut zwei Wochen wird er gewählt - der Neue, der Nachfolger von Ignatz Bubis. Steigt also, wie man so sagt, die Spannung? Wird beherzt um jede Stimme gekämpft, damit am Ende die Richtung stimmt, der Beste sich durchgesetzt hat? Nein, nichts von alledem. Was auffällt, ist eine fast teilnahmslose Gelassenheit. Statt Aufregung herrscht Apathie. Je näher das Datum der Entscheidung rückt, desto mehr scheint sie vielen - ob Juden oder Nicht-Juden - gleichgültig zu sein.

Das liegt in erster Linie an Bubis. "Der ist einfach nicht zu ersetzen", lautet die Grundstimmung in den meisten jüdischen Gemeinden. "Und wer es nicht schafft, in die Fußstapfen von Bubis zu treten, ist doch eigentlich egal." Hinzu kommt, dass profilierte, jüngere Anwärter auf eine Kandidatur verzichtet haben. Salomon Korn zum Beispiel oder Michel Friedman. Das erschwert ihnen natürlich, sowohl nach Innen als auch nach Außen, Kritik an denen zu üben, die nicht kneifen.

Es sind zwei, die die Verantwortung übernehmen würden. Beide sind respektable, aber etwas blasse Persönlichkeiten. Das gilt für Paul Spiegel, den Mann aus Düsseldorf, wie für Charlotte Knobloch, die Frau aus München. Spiegel und Knobloch sind bislang die Stellvertreter von Bubis. Sie gehören der sogenannten ersten Generation an, das heißt, sie haben den Holocaust noch selbst erlebt, auf die eine oder andere Weise. Fremd allerdings ist ihnen das mitunter verstörende Charisma, das Bubis und - auf andere Art - Heinz Galinski kennzeichneten. Diese eckten an, jene runden ab. Diese bliesen ins Horn, jene hauchen in die Flöte.

Das muss kein Nachteil sein. In der öffentlichen Wahrnehmung haben Galinski und Bubis stets für "die Juden" gesprochen. Das hat den Dialog zwar strukturiert, aber ein Verständnis des Judentums erschwert. Denn in der bequemen hierarchischen Fixierung ging die Einsicht verloren, dass es "das Judentum" gar nicht gibt. Die eine Zunge verdeckte die Vielfalt der tausend Zungen, für die sie angeblich sprach. Demnächst werden mehrere Zungen gleichzeitig sprechen, und manch einer wird verwirrt fragen: Wer spricht jetzt bloß für wen? Sagt Charlotte Knobloch, was die Juden denken, oder Andreas Nachama? Sollen wir auf Friedman hören oder auf Spiegel? Das ist der Sache - der Pluralität des Judentums - gewiss angemessener, als es der Eindruck eines einheitlichen Blockes war. Die Missverständnisse jedoch, die im Gespräch zwischen Juden und Nicht-Juden ohnehin gut gedeihen, werden in Zukunft eher noch größer werden.

Die Last des Amtes wird in Zukunft auf mehrere Schultern verteilt: Das beteuern alle Mitglieder des neuen Zentralrats-Präsidiums. Und es klingt gemeinschaftlich. Die Erfahrung mit anderen Großunternehmen allerdings lehrt, dass aus Ämterteilung nur selten Solidarität entsteht. Meistens endet sie im Streit. Wie erfolgreich auf Dauer etwa eine Troika ist, hat zuletzt die SPD gezeigt. Und Juden können mindestens ebenso herzlich miteinander umgehen wie deutsche Sozialdemokraten.

Unter jenen, die am 9. Januar den neuen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland wählen, ist kein Mitglied der Berliner Gemeinde, der größten in Deutschland. Weder Moishe Waks noch Andreas Nachama haben es ins Präsidium geschafft. Auch das versteht kaum ein Außenstehender. Von ideologischen Gegensätzen ist deshalb die Rede - traditionelles Judentum hier, Reformjudentum da. In Wahrheit ist es viel einfacher: Die Berliner selbst konnten sich nicht auf einen Vertreter verständigen, sondern haben gegeneinander kandidiert. Da war mehr Mobbing im Spiel als Ideologie. Die Konsequenz, dass wenige schließlich einige Stimmen bekamen, statt einer viele, haben sich die Berliner Juden folglich selbst zuzuschreiben. Die Pluralität propagieren, wie es gerade in Berlin beliebt ist, aber unter ihren Folgen lauthals leiden: Das geht jedenfalls nicht.

Überdies ist es zwar peinlich, dass kein Berliner im Präsidium sitzt, aber mehr auch nicht. Die jüdischen Gemeinden arbeiten weitgehend autonom. Beschlüsse, die das Präsidium, das Direktorium oder die Ratsversammlung fasst, können im Prinzip ignoriert werden. Sanktionsmöglichkeiten hat der Zentralrat gegenüber seinen Mitgliedern so gut wie keine. Die Berliner Gemeinde ist stark genug, um die Schwächung ihres Prestiges auf Bundesebene durch die Rolle, die sie in der Hauptstadt spielt, zu kompensieren. Wer jetzt noch schmollt, beweist bloß mangelndes Selbstbewusstsein.

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