Politik : Wer seiner selbst nicht sicher ist

Von Hermann Rudolph

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Dass sich gestern auch der Bundestag dem Thema Integration gewidmet hat, ist nur recht und billig. Denn es hat aus guten Gründen Konjunktur, auch wenn es vielen schon über wird. Es ist die Tonlage der Auseinandersetzung, die verärgert. Hier Multikulti – „grandios gescheitert“, wie die CDUChefin fast triumphierend erklärt hat. Dort die Leitkultur – offenbar auch gescheitert, denn die meisten gehen mit dem Wort um wie mit einer heißen Kartoffel. Nächstes verbales Aufgebot: Patriotismus, zum soundsovielten Male, Debattenausgang absehbar. Kann man wirklich über Integration nicht so reden, dass die Sache weitergebracht wird?

Dabei wäre, zum Beispiel, schon viel gewonnen, wenn man die umstrittene Leitkultur von nationalistischen Obertönen befreite, indem man sie als Mehrheitskultur begriffe. Und wenn man dem Projekt der multikulturellen Gesellschaft die kulturkämpferische Kriegsbemalung abschminkte, so dass das wichtige Postulat übrig bliebe, dass eine Gesellschaft auch für andere Kulturen Platz haben muss. Denn natürlich gibt es in Deutschland – wie vermutlich in jedem anderen Land – eine Kultur, die vom überwiegenden Teil der Bevölkerung getragen wird. Diese Kultur spricht deutsch. Sie hat einen Werte- und Verhaltenskanon, auch wenn der zunehmend diffus wird – Grundgesetz, erprobte Gewohnheiten, Herkunftsbewusstsein, vielleicht auch ein bisschen Stolz auf sich selbst. Diese Kultur hält die Gesellschaft zusammen. Ohne sich auf sie einzulassen, kann man als Ausländer schwerlich vorankommen und glücklich werden. Der Verzicht darauf, sich in sie einzuüben, führt geradewegs in die Parallelgesellschaft.

Was bedeutet da Integration? Wie es nicht geht, hat uns in seiner unverwechselbaren Weise Hans-Christian Ströbele mit seinem staatlichen Feiertag für Muslime demonstriert: also der Verpflichtung von rund 80 Millionen Christen oder Nicht- Christen auf die Festtagssitten von drei Millionen Islam-Gläubigen. Wie es, vielleicht, gehen kann, mag eher der muslimische Vater zeigen, der seinen Kindern einen Weihnachtsbaum hinstellt – nicht, um sie zu Christen zu machen, sondern um der Gefahr zu begegnen, dass sie sich gegenüber ihren Klassenkameraden und einer festseligen Öffentlichkeit isoliert fühlen. Und der außerdem darauf achtet, dass sie Abitur machen.

Zur Mehrheitskultur gehört in Demokratien die Respektierung von Minderheiten. Aber das Verhältnis von Mehrheiten und Minderheiten bemisst sich auch danach, wie sich Minderheiten gegenüber der Mehrheit verhalten. Es gibt ein Bewusstsein der inneren Proportionalität von Gesellschaften, das man zwar – im Sinne eines Lernprozesses – erweitern kann, das aber nicht folgenlos verletzt wird. Toleranzproben auf Biegen und Brechen sind kontraproduktiv, weil sie zumeist aufs Brechen hinauslaufen.

Die Integrationsdebatte hat es – das darf der Schlagabtausch nicht verdrängen – zuerst mit sehr praktischen Problemen zu tun, die uns auf den Nägeln brennen. Zu ihrer Heftigkeit hat natürlich die Erregung über das spektakuläre Auftreten des Islamismus ebenso beigetragen wie die Verfestigung fremder Kulturen in der Bundesrepublik. Aber in ihr spürt man auch die Zerknirschung über die Schwäche-Einbrüche der Bundesrepublik, von Pisa bis zu ihren deprimierenden Ranking-Plätzen. Manchmal hat man den Eindruck, sie könne nur dann ein vernünftiges Verhältnis zu Zuwanderung und Integration gewinnen, wenn sie ein sicheres Verhältnis zu sich selbst hätte.

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