Politik : Wer sich schönrechnet

Von Moritz Döbler

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Berlin ist spitze. Geht in Ordnung, sowieso, genau. Innovativer ist in ganz Europa niemand. Jedenfalls niemand, der so sexy ist wie Berlin. Niemand, der zählt. Nur Baden-Württemberg, aber das meint nur das Statistische Landesamt dort. Die können eben alles außer Hochdeutsch. Nun gut. Vielleicht sollte der neue Senat eine Studie bei seinem Landesamt in Auftrag geben, dann wäre Berlin bald unangefochten spitze. Und trotzdem arm.

Denn: Trau keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast – da ist etwas dran. Beim „Innovations-Index“ der Baden-Württemberger ist es so, dass ein „Niveau-Index“ mit drei Vierteln gewichtet wird, und bei dem rangiert Baden-Württemberg auf Platz 1 und Berlin auf Platz 3. Das restliche Viertel geht für einen „Dynamik-Index“ drauf. Da ist Baden-Württemberg auf Platz 40 (deswegen zählt der vielleicht nicht ganz so viel). Berlin kommt hier übrigens auf Platz 36, die sonst ebenfalls recht gut abschneidende Gegend rund um Paris auf Platz 58. Und Portugal auf Platz 1. Portugal? Ja, Portugal – knapp vor Slowenien und den französischen Überseedepartements. Ehrlich.

Ein Detail noch: Eine Schlüsselgröße bei dem Index der Großstatistiker im Südwesten ist der Anteil der Erwerbstätigen in Hochtechnologiebranchen. Dazugerechnet wird auch der Automobilbau – man mag geteilter Meinung sein, ob deutscher Automobilbau wirklich dazugerechnet werden muss, wo dessen Sternstunden im Vergleich mit Fernost seltener geworden sind. Dass Berlin überhaupt ins Spitzenfeld kommt, ist angesichts des Daimler-Porsche-Bosch-Clusters rund um Stuttgart ein Wunder. Vielleicht liegt das daran, dass die Arbeitslosenquote in Berlin hoch ist – bei der erwerbstätigen Restbevölkerung ist offenbar die Mehrheit hochtechnologisch beschäftigt.

Aber bevor es viel zu kompliziert und sarkastisch wird: Schluss mit dem „Innovations-Index“. Schluss – jedenfalls in diesen Zeilen – auch mit all den anderen Rankings, die mal dieses und mal jenes belegen. Richtig ist, dass in Berlin aus der Not eine Tugend gemacht werden muss. Die Not: Berlin ist eine Millionenmetropole, der die Industrie weitgehend verloren gegangen ist. Dass Siemens auch in Zeiten der Globalisierung seinen weltweit größten Produktionsstandort in Berlin unterhält, ist ebenso großartig wie es einige andere Unternehmen in der Hauptstadt sind – aber für die Zahl der zu stopfenden Münder reicht das eben nicht. Von heute auf morgen oder auf überübermorgen wird es keine großen Industrieansiedlungen in Berlin geben, die alle Probleme samt Schuldenkrise lösen. Standortmarketing ist keine Hexerei, leider.

Berlin hat also einen langen, einen jahrzehntelangen Weg vor sich, um seine Bürger zu relativem Wohlstand zu führen. Der ausgebaute Flughafen Berlin-Brandenburg International wird dabei helfen, und der Komplettumzug aller Bundesministerien in die Hauptstadt täte dies auch, wenn es dazu käme. Doch vielleicht noch wichtiger ist es, viel mehr Dienstleister für den Standort Berlin zu begeistern. Und Industriezweige, die ihre Zukunft noch vor sich haben.

Das ist die Tugend. Dabei geht es nicht darum, dass der Senat Subventionen mobilisiert und vor Vorstandsvorsitzenden tiefe Diener macht. Das gehört dazu, daran führt kein Weg vorbei. Natürlich muss der Senat die Deutsche Bahn, den größten Arbeitgeber der Berliner Wirtschaft, hofieren. Oder sagen wir: müsste. Aber entscheidender ist, dass Berlin der Ort sein muss, an dem sich die junge Elite zu Hause fühlt, dem sie treu bleibt, auch wenn sie mit dem Studieren fertig ist. Junge Manager und Forscher müssen so viel lieber in Berlin leben wollen, dass sie auch einen eigentlich besseren Job in der Provinz ausschlagen. Die vergleichsweise niedrigen Mieten und Immobilienpreise sind da ein starkes Argument, aber nur als Billig-Metropole wird Berlin nichts. Lebensqualität ist bunt, klar – aber die Frage ist erlaubt, wie viel Hundekot und wie viel Aggression dazugehören. Und es geht auch um Kultur – so gesehen hat es eine Logik, dass die jetzt in Berlin Chefsache ist.

Berlin ist spitze – nur kaufen kann man sich dafür nichts. Noch lange nicht.

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