Politik : Wer sind die Gäste?

Angela Merkel hat zum G-8-Gipfel in Heiligendamm auch die fünf wichtigsten Schwellenländer (G 5) und fünf afrikanische Staatschefs eingeladen – der exklusive Kreis will Gesprächsbereitschaft zeigen

Dagmar Dehmer

Seit dem G-8-Gipfel in Gleneagles 2005 sind die fünf wichtigsten Schwellenländer zeitweise mit dabei. Zwischen den Gipfeln findet ein regelmäßiger Dialog zwischen den G 8 und den G 5 auf Fachebene statt, vor allem über Klima.

CHINA

Hu Jintao (55) ist seit 2003 Präsident Chinas. Ein Jahr vorher war er Vorsitzender der Kommunistischen Partei geworden, wo er seinem Vorgänger Jiang Zemin nachfolgte. Hu ist studierter Wasserkraft-Ingenieur und arbeitete im Wasserministerium, bevor seine Parteikarriere richtig begann. Hu hat angekündigt, die Korruption, die China auf allen Ebenen durchzieht, bekämpfen zu wollen – bisher mit überschaubarem Erfolg. Zudem hat er angesichts der sozialen Spannungen, die sich aus den wachsenden Unterschieden zwischen den reicher werdenden Städten und dem verarmenden Land ergeben, höhere Ausgaben für die Gesundheit und für die ländlichen Gebiete versprochen. Hu Jintao hat erkannt, dass der Preis, den China für sein gewaltiges Wachstum zahlt, die Zerstörung der Umwelt ist. Dass der Klimawandel ernste Folgen für sein Land haben kann, und dass China selbst mit seinem Energieverbrauch – das Land ist der größte Verbraucher von Kohle – auch zum Problem beiträgt. China hat sich deshalb ehrgeizige Ziele für den Einsatz von erneuerbaren Energien und eine Verbesserung der Effizienz gesetzt. Beim Kongress der Kommunistischen Partei in diesem Jahr war auch zum ersten Mal die Rede davon, dass China von 2030 an seinen Ausstoß an Treibhausgasen stabilisieren und dann auch senken will. Allerdings will sich China bisher nicht auf Reduktionen verpflichten lassen. In einem neuen Klimaabkommen ist es zwar zu Beiträgen bereit, will sich aber auf keinen Fall festlegen lassen. Auch Chinas Afrika-Politik wird ein Thema in Heiligendamm sein. Das Land sichert sich mit billigen Krediten und massiven Investitionen nicht nur den Zugang zu Afrikas Rohstoffen. Peking stellt auch keine unangenehmen Fragen und ist den afrikanischen Staatschefs, insbesondere denen mit einem zweifelhaften Leumund, hoch willkommen. Die G 8 würden China gerne dazu bringen, bei Investitionen, Entwicklungshilfe und Krediten in Afrika mehr auf eine gute Regierungsführung im Gastland zu achten. China exportiert unschlagbar erfolgreich Industrieprodukte, Textilien, Elektronik und Waffen.

Einwohner: 1,3 Milliarden (UN-Angaben)

Religion: Buddhismus, Christentum, Islam, Taoismus

Hauptstadt: Peking

Lebenserwartung: 70 Jahre (Männer), 73 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 1740 US-Dollar (laut Weltbank)

INDIEN

Manmohan Singh (74) ist seit 2004 Premierminister Indiens. Er übernahm den Posten, nachdem seine Kongress Partei überraschend die Wahl in der größten Demokratie der Welt gewonnen hatte, und die Parteivorsitzende, Sonia Gandhi, das Amt abgelehnt hatte. Singh ist im Punjab geboren. Er diente den indischen Regierungen in einer Vielzahl von Funktionen, war einige Zeit beim Internationalen Währungsfonds beschäftigt und stand der indischen Zentralbank vor. Er leitete gleich nach seinem Amtsantritt einen Friedensprozess mit dem Nachbarland Pakistan ein. Beide Länder sind Atommächte und haben drei Kriege um die umstrittene Provinz Kaschmir geführt. Indien wächst in einem ähnlich schnellen Tempo wie China. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind aber womöglich noch dramatischer als im Nachbarland. Vor allem auf dem Land leben bis heute Millionen von Menschen ohne Bildung, Gesundheitsversorgung und ausreichende Lebensmittel. Singh kündigte ein Armutsbekämpfungsprogramm für die ländlichen Regionen an. Jeder Bauer soll über einen gewissen Zeitraum des Jahres eine bezahlte Arbeit beim Staat bekommen. Allerdings ist noch nicht absehbar, wie erfolgreich dieses Programm sein wird. Indien wehrt sich noch vehementer als China gegen irgendwelche Restriktionen für den Klimaschutz, obwohl Singh offenbar bewusst ist, dass gerade sein Land besonderen Risiken durch den Klimawandel ausgesetzt ist. Ähnlich wie China bemüht sich auch Indien um mehr Einfluss in Afrika – vor allem wegen der reichen Rohstoffe, die dort zu finden sind. Indien hat den Vorteil, dass in vielen afrikanischen Ländern seit mehr als 100 Jahren Inder leben, die dort oft die Mittelschicht bilden und erfolgreiche Handelsleute sind. Das öffnet Indien wichtige Märkte in Afrika. Indiens erfolgreichstes Exportprodukt ist Bollywood, seine Kinoindustrie. Die indischen Filme sind die weltweit meistgesehenen Streifen. Zudem exportiert das Land Agrarprodukte, Software, Computer-Dienstleistungen, Chemikalien und Lederprodukte.

Einwohner: 1,1 Milliarden (UN-Angaben)

Religion: Hinduismus, Islam, Buddhismus, Christentum, Sikhismus, Jainismus

Hauptstadt: Neu-Delhi

Lebenserwartung: 62 Jahre (Männer), 65 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 720 US-Dollar (laut Weltbank)

BRASILIEN

Luiz Ignacio Lula da Silva (62) trat in diesem Jahr seine zweite Amtszeit als Präsident Brasiliens an. Er wurde im verarmten Nordosten des Landes geboren und wuchs in Sao Paulo auf. Er verließ die Schule mit 14 und wurde Metall-Arbeiter. Über sein Engagement als Gewerkschafter kam er schließlich in die Politik und zog unterstützt von der Arbeiterpartei in den Präsidentenpalast in Brasilia ein. Lula hat schon in seiner ersten Amtszeit ein Armutsbekämpfungsprogramm aufgelegt, das zwar die Lage vieler Armen verbessert hat, doch die Kluft zwischen Arm und Reich ist noch immer gewaltig. Brasilien trägt durch die Abholzung des Amazonas-Regenwalds nicht unbeträchtlich zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. Die Regierung hat zumindest einmal die Finanzierung von Besiedelungsprogrammen für die Region eingestellt und bemüht sich um einen besseren Schutz für die Wälder. Lula verlangt aber von den Industrienationen, die Tropenländer für den Schutz der Wälder angemessen zu entschädigen. Auch das wird Thema in Heiligendamm sein. Brasilien deckt knapp die Hälfte seines Benzinbedarfs durch Ethanol, das aus Zuckerrohr hergestellt wird. Derzeit verhandelt das Land auch mit den USA über mögliche Exporte des Biotreibstoffs. Nachdem vor der Küste Brasiliens Ölfelder entdeckt worden sind, die nun auch ausgebeutet werden, kann sich das Land darüber hinaus selbst mit seinem Erdölbedarf versorgen. Brasilien exportiert Agrarprodukte, Bodenschätze und Industrieprodukte.

Einwohner: 182 Millionen (UN-Angaben)

Religion: Christentum

Hauptstadt: Brasilia

Lebenserwartung: 66 Jahre (Männer), 74 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 3460 US-Dollar (laut Weltbank)

MEXIKO

Felipe Calderon (45) trat sein Amt als Präsident Mexikos am 1. Dezember 2006 an. Seine konservative Partei hatte die Wahl mit gerade mal einem Prozent der Stimmen vor dem linken, früheren Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Andres Manuel Lopez Obrador gewonnen. Allerdings erkennt Obrador den Wahlsieg Calderons bis heute nicht an. Der neue Präsident kündigte ein Armutsbekämpfungsprogramm an und will den Kampf gegen Drogenkartelle und Kriminalität sowie Korruption und Steuerbetrug zu einem Schwerpunkt seiner sechsjährigen Amtszeit machen. Mexiko hat eine der höchsten Entführungsraten weltweit. Das Land gehört zu den großen Ölexporteuren, ein Großteil geht in die USA. Etwa ein Drittel des Staatshaushaltes wird mit Öleinnahmen gedeckt. Trotzdem ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß, dass jedes Jahr Millionen armer Farmer versuchen, illegal in die USA zu kommen, um dort Arbeit zu suchen. Jedes Jahr wird etwa eine Million beim Versuch festgenommen, Tausende sterben in der Hitze oder verdursten in der Wüste, die zwischen beiden Ländern liegt. Mexiko vertritt wie die anderen Schwellenländer die Position, dass die Industriestaaten den Klimawandel verursacht haben und deshalb das Problem selbst lösen sollten. Neben Öl exportiert Mexiko Maschinen, Agrarprodukte und lebende Tiere.

Einwohner: 106,4 Millionen (UN-Angaben)

Religion: Christentum

Hauptstadt: Mexiko-Stadt

Lebenserwartung: 72 Jahre (Männer), 77 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 7310 US-Dollar (laut Weltbank)

SÜDAFRIKA

Thabo Mbeki (65) ist sowohl als Präsident eines bedeutenden Schwellenlandes als auch als eines der Gründungsmitglieder der Neuen Partnerschaftsinitiative für die Entwicklung Afrikas (Nepad) nach Heiligendamm geladen. 2004 trat er seine zweite, und letzte, Amtszeit als Präsident an, nachdem sein Afrikanischer National Kongress (ANC) die Wahl mit einer überwältigen Mehrheit gewonnen hatte. Mbeki folgte 1999 dem ersten Nach-Apartheidspräsidenten Nelson Mandela nach. Die Wirtschaft des Landes wächst schnell, allerdings profitieren davon noch lange nicht alle Bürger. Millionen arme Schwarze leiden unter der hohen Arbeitslosigkeit und einer der höchsten Kriminalitätsraten auf dem Kontinent. Südafrika gehört zu den großen Kohleexporteuren. Mbeki weiß, dass sein Land unter dem Klimawandel stark zu leiden haben wird. Trotzdem will er bisher keine eigenen Zusagen für den Klimaschutz abgeben. Allerdings arbeitet Südafrika erfolgreich daran, sogenannte CDM-Projekte aufzulegen, mit denen Firmen aus Industrieländern ihre Kohlendioxid-Reduktionen erbringen können. Südafrika ist das Land mit der zweithöchsten Infektionsrate mit dem HI-Virus. Erst seit kurzem gibt es ein Programm, mit dem Aids-Kranke kostenlos mit antiretroviralen Medikamenten versorgt werden können. Dabei profitiert Südafrika nicht unbeträchtlich von den Mitteln des Globalen Fonds, der auf Initiative der G-8-Staaten vor sechs Jahren gebildet worden ist. Südafrika exportiert Gold, Diamanten, Metalle, Autos und Maschinen und ist ein wichtiges Reiseland.

Einwohner: 45,3 Millionen (UN-Angaben)

Religion: Christentum, Islam, traditionelle Religionen

Hauptstadt: Pretoria (Tshwane)

Lebenserwartung: 47 Jahre (Männer), 51 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 4960 US-Dollar (laut Weltbank)

NIGERIA

Umaru Yar’Adua (56) ist seit dem 29. Mai 2007 Präsident des Landes. Er war der Wunschkandidat seines Vorgängers Olusegun Obasanjo und gehört dessen Peoples Democratic Party an. Bei den Wahlen im April haben Beobachter Wahlbetrug in größerem Ausmaß kritisiert. Yar’Adua war zuvor seit 1999 Gouverneur im nördlichen Bundesstaat Kattsina. Er ist Muslim und war Lehrer, bevor er in die Politik ging. Nigeria ist Afrikas größter Ölexporteur, leidet aber seit Monaten unter Unruhen in der Öl-Region im Niger- Delta. Die Tagesproduktion ist drastisch gefallen. Seit Gründung gibt es Spannungen zwischen dem christlichen Süden und dem muslimischen Norden, wo in vielen Provinzen die Scharia gilt. Nigeria gehört nach Angaben von Transparency International zu den korruptesten Ländern der Welt. Umaru Yar’Adua ist wie seine Kollegen aus Ägypten, Algerien und Senegal als Vertreter eines Gründungsmitglieds der Nepad-Initiative nach Heiligendamm eingeladen.

Einwohner: 140 Millionen (Zensus 2006)

Religion: 50 Prozent Muslime, 50 Prozent Christen

Hauptstadt: Abuja

Lebenserwartung: 43 Jahre

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 560 US-Dollar (laut Weltbank)

ÄGYPTEN

Hosni Mubarak (77) ist seit 1981 Präsident Ägyptens. 2005 ließ er sich zum fünften Mal wiederwählen, zum ersten Mal durften Gegenkandidaten antreten. Allerdings war die größte Oppositionsbewegung, die Muslim-Bruderschaft, von der Wahl ausgeschlossen. Bevor er Politiker wurde, war er ein hoher Militär. Trotz einer konstanten Wirtschaftsentwicklung ist es dem Land nicht gelungen, die Armut wirksam zu bekämpfen. Vor allem auf dem Land verarmen die Farmer und verfügen weder über gute Schulen noch eine ausreichende Gesundheitsversorgung. Ägypten exportiert Öl, Gas und Baumwolle. Daneben spielt der Tourismus eine wichtige Rolle.

Einwohner: 75,9 Millionen (UN-Angaben)

Religion: Islam

Hauptstadt: Kairo

Lebenserwartung: 67 Jahre (Männer), 72 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 1250 US-Dollar (laut Weltbank)

ALGERIEN

Abdelaziz Bouteflika (70) ist seit 1999 Präsident Algeriens. 2004 wurde er mit einer großen Mehrheit wiedergewählt. Bouteflika führte sein Land aus einem blutigen Bürgerkrieg heraus, in dem etwa 150 000 Menschen ihr Leben verloren hatten. Er war 1992 ausgebrochen, nachdem das Militär eine Wahl für ungültig erklärt hatte, die die Islamisten gewonnen hatten. Kurz nach seinem Amtsantritt erließ Bouteflika eine Amnestie, nach der die meisten Islamisten ihre Waffen niederlegten und die Kämpfe weitgehend aufhörten. Der Präsident unterstützt den von den USA ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“. Nachdem vor wenigen Wochen mehrere Autobombenanschläge in der Hauptstadt Algier stattgefunden hatten, zeigte sich, dass noch immer islamistische Gruppen um Einfluss kämpfen. Zu Wahlen sind sie nach wie vor nicht zugelassen. Algerien ist ein wichtiger Öl- und Gasexporteur.

Einwohner: 32,9 Millionen (UN-Angaben)

Religion: Islam

Hauptstadt: Algier

Lebenserwartung: 70 Jahre (Männer), 72 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 2730 US-Dollar (laut Weltbank)

SENEGAL

Abdoulaye Wade (80) ist in diesem Jahr bei einer etwas umstrittenen Wahl ein zweites Mal zum Präsidenten Senegals gewählt worden. Er übernahm das Amt im Jahr 2000. Trotz der Differenzen über den Wahlverlauf gilt Senegal als eines der wenigen westafrikanischen Länder mit einer demokratischen Tradition. Senegal ist der Ausgangspunkt für viele afrikanische Auswanderer, die von dort aus versuchen, Europa zu erreichen. Die Zahlungen der im Ausland lebenden Senegalesen ist denn auch die wichtigste Devisenquelle des Landes. Senegal exportiert Agrarprodukte und verfügt über eine wachsende Tourismusindustrie.

Einwohner: 10,6 Millionen (UN-Angaben)

Religion: Islam

Hauptstadt: Dakar

Lebenserwartung: 54 Jahre (Männer), 57 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 710 US-Dollar (laut Weltbank)

GHANA

John Agyekum Kufuor (69) ist als Vorsitzender der Afrikanischen Union nach Heiligendamm eingeladen worden. Er übernahm das Amt als erster demokratisch gewählter Präsident von Jerry Rawlings, der das Land nach einem Militärputsch auf den Weg ökonomischer Reformen und der Demokratie führte. 2004 wurde Kufuor wiedergewählt. Er spielt eine aktive Rolle bei Friedensbemühungen in den westafrikanischen Nachbarländern. Ghana exportiert Kakao, Gold, Holz, Thunfisch, Aluminium und Diamanten.

Einwohner: 21,8 Millionen (UN-Angaben)

Religion: Christentum, einheimische Religionen, Islam

Hauptstadt: Accra

Lebenserwartung: 56 Jahre (Männer), 57 Jahre (Frauen)

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr: 450 US-Dollar (laut Weltbank)

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