Wer verändert die Welt? (4) : "Wer das Fernsehen verändert, verändert das Land"

Lorella Zanardo hat eine kleine Dokumentation über die Frauen im italienischen Fernsehen gemacht – und einen Schock ausgelöst. Heute versucht sie Italiens Schülerinnen und Schüler dazu zu erziehen, das Fernsehen kritischer zu nutzen.

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Lorella Zanardo hat Italien mit einer Dokumentation im Zeitraffer vorgeführt, welche Frauenbilder es sich beim abendlichen Fernsehen gefallen lässt. Heute arbeitet sie in Schulen daran, junge Italienerinnen und Italiener zu aktiven Bürgern zu machen.
Lorella Zanardo hat Italien mit einer Dokumentation im Zeitraffer vorgeführt, welche Frauenbilder es sich beim abendlichen...Foto: AFP

Die Bilder kannten alle: Frauen in knappster Bekleidung, vor einem Millionenpublikum in eine Kiste gesperrt oder fast nackt in einer Duschkabine. Frauenbeine wie Schinken an Haken gehängt, Frauen, die viel Haut zu zeigen und wenig zu sagen hatten und schüchtern lächelten, wenn der Mann neben ihnen sie beleidigt: „Du hast sowieso kein Hirn.“

Und obwohl das alles seit Jahren in Italiens Fernsehen zu sehen war, löste es ein kleines Erdbeben aus, als Lorella Zanardo und ihre Ko-Autoren diese Bilder 2009 aneinanderschnitten und ins Netz stellten. 25 Minuten Originalmaterial aus dem italienischen Fernsehen: So massiv war bis dahin nie zu sehen, wie Silvio Berlusconis Private, aber auch die Programme von „Mamma Rai“, des öffentlichen Senders, Frauen zurichteten, oft zur besten Familiensendezeit. Die kleine unaufwendige Doku „Il corpo delle donne“ (Der Körper der Frauen) klagte einen öffentlichen Sexismus an, der nicht nur italienisch ist – man denke an die nicht wenigen Herrenrunden mit Alibifrau auch im deutschen Fernsehen. Aber das grell-vulgäre Material, das sich Zanardo und Kollegen bot, war, als Konzentrat verabreicht, ein Schock. Es wurde zum Klick-Renner im Netz und Stoff auch der Talkshows jenes Fernsehens, das die Dokumentation so hart vorführte.

Zanardo wirbt für einen neuen Blick auf Frauen

Das liegt jetzt fünf Jahre zurück, aber für Lorella Zanardo begann die Sache damit erst richtig. Früher hatte die 1957 geborene Mailänderin nach dem Fremdsprachen- und Betriebswirtschaftsstudium in ihrer Heimatstadt für Unilever gearbeitet und als Marketing-Managerin des Großverlags Mondadori. Nun warb sie unermüdlich vor Schulklassen im ganzen Land für einen neuen Blick auf die Verhältnisse der Geschlechter, vor allem aber auf das Bild, das das Fernsehen davon vermittelt. Welchen Winkel wählt die Kamera hier? Warum dieser Schnitt? Auch wer nicht mehr im Schulalter ist – so im vergangenen Jahr die Gäste ihrer Auftritte in Deutschland – kann von Zanardos Medienbildungsprogramm „Nuovi occhi“ („Mit anderen Augen“) noch ordentlich lernen. An vier Tagen pro Woche sind sie und acht Mitstreiterinnen in den Schulen unterwegs. Aus dem Erziehungsministerium in Rom, erzählt Zanardo, bekomme sie zwar „viele Komplimente, aber keinerlei Hilfe“. „Ob wir weitermachen können, weiß ich nicht. Die Begeisterung der Schülerinnen und Schüler ist aber mitreißend und gibt uns Energie.“

Sie spottet über die neue "Geburtenschlacht"

Im Blog für die Tageszeitung „Il fatto quotidiano“ kriegt auch die Regierung ihr Fett weg, wenn sie in Geschlechterfragen zurückfällt: Als die Gesundheitsministerin im Frühjahr einen „Nationalen Fruchtbarkeitsplan“ gegen Italiens niedrige Geburtenrate ausrief, erinnerte Zanardo an Mussolinis „Geburtenschlacht“ in den 1920er Jahren. Ihr Herzensthema bleiben aber die Jungen, die sie zu aktiven Bürgerinnen und Bürgern machen will, indem sie ihren Blick schärft. Warum gerade den aufs Fernsehen? Darauf hat Zanardo eine ganz altmodisch-aufklärerische Antwort: „Ich glaube, dass das Fernsehen das mächtigste und demokratischste Mittel der Wissensvermittlung ist.“ Wer das Fernsehen verändere, verändere auch das Land.

Wer verändert die Welt? Die meisten Revolutionen beginnen ganz klein, mit einer „Schnapsidee“ oder mit einem großen Zorn auf die Verhältnisse. Wir stellen sieben Menschen vor, deren Engagement ganz schnell über sie selbst hinausgewachsen ist, im Guten wie im Schlechten. Allen gemeinsam ist, dass sie zunächst allein eine Sache ins Rollen gebracht haben – und nicht allein geblieben sind. Dies ist der zweite Teil der Serie.

Die bereits erschienenen Teile der Serie finden Sie hier:

Die Missionarin: Oby Ezekwesili setzt sich für die in Nigeria entführten Mädchen ein.

Die Modekönigin: Rania von Jordanien hat im Ausland mehr Fans als zu Hause.

Der Preisgeber: Mo Ibrahim macht gute Präsidenten reich.

Der Warner: John Prendergast hat mit seinem Bild vom Genozig die amerikanische Sudanpolitik geprägt.

Der Wassermann: Wie Benjamin Adrion vom Fußballer zum Entwicklungshelfer wurde.

Der Wertsetzer: Christian Hiß hat mit der Regionalwert AG eine neue Form der Förderung für den Ökolandbau erfunden.

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