Politik : Wer wählt, begibt sich in Gefahr

Impressionen vor einem entscheidenden Tag

Martin Gerner

Aliullah habe ich im Lincoln-Center getroffen, bei einem Workshop für junge Blogger. Die Hälfte der Teilnehmer waren junge Frauen. In Kundus gibt es seit einem Monat ein amerikanisches Kulturzentrum. Hunderte von englischsprachigen Büchern, Bildbänden und Videos stehen in den Regalen. Ein Dutzend Computer zur kostenlosen Nutzung machen den Nachwuchs von Kundus mit dem Internet vertraut. Die Amerikaner klotzen, auch bei der Kultur. Ein vergleichbares deutsches Kulturzentrum gibt es nicht, obwohl zivile und militärische Helfer aus der Bundesrepublik massiver vertreten sind in der Stadt als Amerikaner.

„Ich hoffe auf einen Wechsel“, sagt Aliullah. Er ist 19 und darf zum ersten Mal wählen. Sein Favorit heißt Abdullah Abdullah, der gelernte Augenarzt und vormalige Außenminister unter Präsident Karsai. „Er kann die Jüngeren begeistern“, findet Aliullah. Karsais Mannschaft sei zu alt und verbraucht. Ja, Gespräche mit den Taliban müsse es geben, auch unter einem nichtpaschtunischen Präsidenten. Allerdings hat es nur für wenige Jahre einen nichtpaschtunischen Staatsführer gegeben in der Geschichte Afghanistans. Das Gesetz der Regel spricht gegen Abdullah.

Mahbooba, die vom Alter her Aliullahs Mutter sein könnte, möchte von all dem nichts wissen. Sie wird nicht wählen gehen. Als ich anfange, nach Politik und Wahlkampf zu fragen, schaltet sie auf Abwehr. „Jeder sucht doch nur seinen persönlichen Vorteil. Die im Namen von Politik und von Parteien agieren, haben das Land in den vergangenen Jahrzehnten dahin gebracht, wo es jetzt steht.“

Mahbooba leitet die größte Textilfabrik von Kundus. Hier arbeiten rund hundert Frauen an Pfaff- Nähmaschinen. Die Hälfte der Belegschaft ist heute zu Hause geblieben. Aus Sorge um die Sicherheit. Nachrichten von Schießereien und Anschlägen auf der Hauptstraße zwischen Baghlan und Kundus in den Vortagen haben die Runde gemacht. Die beiden Tage vor der Wahl gibt Mahbooba der Belegschaft frei. Niemand will ein unnötiges Risiko eingehen.

Die afghanische Wahlkommission hat eine Liste herausgegeben, auf der sämtliche Wahllokale in Kundus aufgeführt sind. Im Büro der unabhängigen Wahlkommission Fefa hält man solche Papiere für Augenwischerei. „Viele der Lokale können in Wahrheit gar nicht aufmachen“, sagt Fefa-Mitarbeiter Habib. „Wir kennen die Lage in den Orten. Es sind Wahllokale aufgelistet in Dörfern, wo sich nicht einmal die Polizei aufhält.“

Das Telefon klingelt. Habib legt enttäuscht auf. Neun Mitarbeiter haben sich abgemeldet für den Wahltag. Offenbar ist es ihnen zu gefährlich. Ob das Nato-Militär die Wahlen sicherer gemacht habe? Nein, sagt Habib, das glaube er nicht. Für Aliullah ist Wählen Pflicht. Auch in seiner Familie wird diskutiert, wann der beste Zeitpunkt ist, sich auf den Weg zum Wahllokal zu machen. Vermutlich nachmittags, meint Alliulah, „bis dahin können wir uns hoffentlich ein Bild von der Sicherheitslage machen.“ Martin Gerner

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