Politik : Wer war das?

Vom Mord am Polizisten Norbert Schmid 1971 bis zum Anschlag auf Deutsche-Bank-Chef Herrhausen 1989: Den Ermittlern fehlen wichtige Erkenntnisse über Attentäter und Hintermänner

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14. Mai 1970: Andreas Baader wird während einer „Ausführung“ aus der Haft zum Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin, wo er auch Ulrike Meinhof trifft, gewaltsam befreit. Der Institutsangestellte Georg Linke wird durch einen Leberdurchschuss lebensgefährlich verletzt. Auch einer der beiden Polizisten, die Baader bewachen sollten, der Beamte Günter Wetter, muss später stationär behandelt werden. Mindestens einer der „Befreier“ wird nie identifiziert. Am 8. Oktober nimmt die Berliner Polizei Horst Mahler, Irene Goergens, Ingrid Schubert, Brigitte Asdonk und Monika Berberich wegen Verdachts auf Mitgliedschaft in der RAF und auf Teilnahme an der Baader-Befreiung fest.

22. Oktober 1971: In Hamburg wird der Polizist Norbert Schmid erschossen. Er ist das erste Todesopfer der RAF. Der zur Gruppe zählende Gerhard Müller wird der Tat verdächtigt. Die Polizei nimmt ihn am 15. Juni 1972 mit Ulrike Meinhof in Hannover fest. Die Anklage wegen Mordes lässt die Bundesanwaltschaft schließlich fallen – offenbar, weil Müller sich zur Kooperation bereit erklärt hat. Im Stammheim-Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe tritt Müller als Belastungszeuge auf. Das Landgericht Hamburg verurteilt Müller 1976 wegen anderer RAF-Delikte zu zehn Jahren Haft. Müller wird vorzeitig freigelassen. Der Mord an Schmid bleibt juristisch unaufgeklärt.

22. Dezember 1971: Bei einem Überfall auf eine Bank in Kaiserslautern wird der Polizist Herbert Schoner von RAF-Leuten erschossen. Die mutmaßlich sechs Terroristen erbeuten 134 000 D-Mark. Doch nur dem RAF-Mann Klaus Jünschke kann eine Beteiligung an dem Bankraub nachgewiesen werden. Auch Manfred Grashof wird wegen Beihilfe verurteilt. Wer den Beamten getötet hat, bleibt aber offen.

2. Februar 1972: Bei einem Sprengstoffanschlag der Bewegung 2. Juni auf den britischen Yachtclub in Berlin-Gatow kommt der Bootsbauer Erwin Beelitz ums Leben. Die Tat ist nicht aufgeklärt.

11. Mai 1972: Sprengstoffanschlag eines „Kommandos Petra Schelm“ auf das Hauptquartier des 5. US-Corps in Frankfurt am Main. Der amerikanische Offizier Paul A. Bloomquist stirbt, 13 Menschen werden verletzt. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe werden am 28.4.1977 vom Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart unter anderem für diese Tat zu lebenslanger Haft verurteilt. Wer aber noch beteiligt war und wer für welchen Teil der Tat verantwortlich ist, konnte nicht geklärt werden.

12. Mai 1972: Das „Kommando Thomas Weißbecker“ verübt Anschläge auf das bayerische Landeskriminalamt in München und das Polizeipräsidium in Augsburg. Es gibt mehrere Verletzte. Auch hierfür werden Baader, Ensslin und Raspe verantwortlich gemacht. Weitere Tatbeteiligte und genaue Tatbeiträge konnten nicht ermittelt werden.

15. Mai 1972: In Karlsruhe explodiert der Wagen des Richters am Bundesgerichtshof, Wolfgang Buddenberg. Seine Frau wird verletzt. Zum Anschlag bekennt sich ein „Kommando Manfred Grashof“. Die Justiz verurteilt Baader, Ensslin und Raspe für diese Tat. Der Tatbeitrag und weitere Beteiligte sind nicht ermittelt.

19. Mai 1972: Zwei Bomben detonieren im Gebäudekomplex des Springer-Verlags in Hamburg. 17 Arbeiter werden verletzt. Die Polizei kann weitere Bomben entschärfen. Auch hierfür müssen sich Baader, Ensslin und Raspe vor dem OLG-Stuttgart verantworten. Wer noch beteiligt war, ließ sich nicht ermitteln.

24. Mai 1972: Bei einem Sprengstoffanschlag auf das europäische Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg werden die amerikanischen Soldaten Clyde Bonner, Ronald Woodward und Charles Peck getötet. Fünf weitere US-Soldaten erleiden Verletzungen. Zur Tat bekennt sich ein „Kommando 15. Juli“. Dieser fünfte Anschlag im Mai 1972 geht laut Urteil vom 28.4.1977 des OLG Stuttgart ebenfalls zu Lasten von Baader, Ensslin und Raspe. Außerdem wurde Irmgard Möller am 31.5.1979 wegen Beteiligung an diesem Anschlag zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Wer allerdings welchen Part übernommen hat und wer neben den vier Verurteilten an dem Anschlag beteiligt war, konnte nicht geklärt werden.

4. Juni 1974: Ulrich Schmücker, Mitglied der Bewegung 2. Juni, wird im Berliner Grunewald von einem „Kommando Schwarzer Juni“ ermordet. Er wurde vorher von der Gruppe als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt. Der Mord konnte nicht aufgeklärt werden.

10. November 1974: Ein Kommando von mindestens sieben Personen der Bewegung 2. Juni ermordet den Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann in seiner Wohnung. Die Täter wurden nicht ermittelt.

9. Mai 1975: Bei einer Schießerei zwischen der Polizei und Mitgliedern der Bewegung 2. Juni in Köln sterben der Polizist Walter Pauli und der Terrorist Philipp Werner Sauber. Sein Kumpan Karl-Heinz Roth wird verletzt. Roth und der Terrorverdächtige Roland Otto werden nach mehrjähriger U-Haft von der Anklage des versuchten Mordes freigesprochen. Der Fall bleibt unaufgeklärt.

7. Mai 1976: Der Polizist Fritz Sippel wird in Sprendlingen (Hessen) bei einer Routinekontrolle von einem RAF-Mann erschossen. In der Gruppe, die Sippel in einem Park kontrollieren wollte, befanden sich Rolf Klemens Wagner und Peter-Jürgen Boock. Wer schoss, ist unklar.

7. April 1977: In Karlsruhe werden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster von einem Motorrad aus erschossen. Wer der Todesschütze des „Kommandos Ulrike Meinhof“ war, ist offen. Als direkte Tatbeteiligte werden die RAF-Angehörigen Knut Folkerts, Christian Klar und Günter Sonnenberg verurteilt. Der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock behauptet jedoch, Stefan Wisniewski sei der Motorrad-Schütze gewesen. Ähnlich soll sich die einstige RAF-Frau Verena Becker schon Anfang der 80er Jahre gegenüber dem Verfassungsschutz geäußert haben.

25. August 1977: Versuchter Raketenanschlag auf ein Dienstgebäude der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Für die Beteiligung an dieser Tat werden Peter-Jürgen Boock, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt verurteilt. Weitere Tatbeteiligte konnten nicht ermittelt werden.

5. September 1977: Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wird in Köln entführt. Dabei erschießen die Terroristen Schleyers Fahrer Heinz Marcisz und die drei von der Polizei gestellten Leibwächter Helmut Ulmer, Reinhold Brändle und Roland Pieler. Schleyer wird an mehreren Orten festgehalten. Am 13. Oktober entführen palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“, um der RAF zu Hilfe zu kommen. Kapitän Jürgen Schumann wird von den Terroristen erschossen. Die GSG 9 stürmt das Flugzeug am 18. Oktober in Mogadischu. Drei der vier Geiselnehmer werden getötet. Noch in der Nacht bringen sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim um. Irmgard Möllers Selbstmordversuch schlägt fehl, sie wird in ihrer Zelle schwer verletzt gefunden. Der entführte Hanns Martin Schleyer wird im Beisein von Stefan Wisniewski mit drei Schüssen in den Hinterkopf getötet. Es konnte nicht geklärt werden, wer die Schüsse abgefeuert hatte.

19. November 1979: Banküberfall in Zürich: Klar, Wagner, Boock und Henning Beer sind beteiligt. Auf der Flucht wird der Polizist Pfister bei einem Schusswechsel im Züricher Einkaufszentrum „Shop Ville“ schwer verletzt. Außerdem wird die Passantin Edith Kletzhändler durch Schüsse getötet. Es konnte nicht geklärt werden, ob durch die Kugeln des Polizisten oder der Terroristen. Außerdem wird die Floristin Margit Schenk beim Versuch von RAF-Terroristen, ein Auto zu stehlen, durch Schüsse von Klar schwer verletzt. Klar, Beer und Boock werden für diese Taten vom OLG Stuttgart und vom OLG Koblenz verurteilt.

31. August 1981: Anschlag auf den US-Militärflughafen Ramstein: 17 Verletzte. Helmut Pohl wird 1986 unter anderem für diese Tat vom OLG Düsseldorf verurteilt, Ingrid Jakobsmeier vom OLG Stuttgart 1993. Die weiteren Täter konnten nicht ermittelt werden.

18. Dezember 1984: Ein Bombenanschlag auf die Nato-Schule in Oberammergau („Kommando Jan Raspe“) scheitert an einem technischen Defekt. Eva Haule hatte das mit Sprengstoff beladene Auto vor der Schule postiert – sie wurde unter anderem deshalb 1988 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die anderen Beteiligten konnten nicht ermittelt werden.

1. Februar 1985: Das RAF-„Kommando Patsy O’Hara“ erschießt den Vorstandsvorsitzenden der Motoren- und Turbinen-Union (MTU) und Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Luft-, Raumfahrt- und Ausrüstungsindustrie, Ernst Zimmermann. Die Attentäter konnten bis heute nicht identifiziert werden.

3. Juni 1985: Zwei Mitglieder der RAF verletzen bei Tübingen einen Geldboten durch Schüsse und flüchten mit 157 700 D-Mark. Die Täter bleiben unerkannt.

8. August 1985: Bei einem Sprengstoffanschlag („Kommando George Jackson“) von Mitgliedern der RAF und der französischen „Action Directe“ auf die Rhein-Main Air Base sterben der US-Soldat Frank Scarton und die Zivilangestellte Becky Bristol. 23 Menschen werden verletzt. In der Nacht zuvor wurde der US-Soldat Edward Pimental ermordet, um seinen Militärausweis zu gelangen. Die RAF-Mitglieder Birgit Hogefeld und Eva Haule werden als Tatbeteiligte verurteilt. Mittäter bleiben unerkannt.

9. Juli 1986: Der Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts und sein Fahrer Eckhard Groppler werden bei München mit einer Bombe getötet. Wer hinter dem „Kommando Mara Cagol“ steckte, bleibt ungeklärt. Der Tatverdächtige Horst Ludwig Meyer wird 1999 in Wien von der Polizei erschossen.

24. Juli 1986: Anschlag auf das Fraunhofer Institut in Aachen durch eine „Kämpfende Einheit“, eine RAF-Unterstützergruppe. Die Täter bleiben unerkannt.

11. August 1986: Sprengstoffanschlag auf Anlagen des Bundesgrenzschutzes bei Bonn durch eine „Kämpfende Einheit“. Die Täter sind nicht gefasst.

8. September 1986: Explosion einer Autobombe in der Nähe des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln. Zum Anschlag bekennt sich eine „Kämpfende Einheit“. Die Täter sind nicht ermittelt.

15. September 1986: Anschlag auf einen Bürokomplex in München durch eine „Kämpfende Einheit“. Die Tat ist nicht aufgeklärt.

10. Oktober 1986: Gerold von Braunmühl, Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt, wird vor seinem Bonner Wohnsitz von zwei Personen („Kommando Ingrid Schubert“) erschossen – mit dem Revolver, mit dem auch Schleyer getötet wurde. Als Tatverdächtige gelten Barbara und Horst Ludwig Meyer. Der Anschlag wird aber nicht aufgeklärt.

17. Juni 1988: Versuchter Anschlag auf das Hotel Playa de la Luz im spanischen Rota in der Nähe eines Nato-Stützpunktes. Beteiligt sind Horst Ludwig Meyer und Andrea Klump sowie mindestens ein drittes RAF-Mitglied. Klump wird wegen ihrer Beteiligung verurteilt, Meyer bleibt flüchtig, der dritte Mittäter unerkannt.

20. September 1988: Die RAF verübt einen Anschlag auf den Staatssekretär im Finanzministerium, Hans Tietmeyer. Mit einer Schrotflinte schießen die Täter („Kommando Khaled Aker“) auf das ungepanzerte Auto Tietmeyers. Er und sein Fahrer bleiben unversehrt. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main verurteilt 1998 Birgit Hogefeld unter anderem wegen dieser Tat zu lebenslanger Haft. Weitere Beteiligte sind nicht ermittelt.

30. November 1989: Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, stirbt bei einem Bombenattentat auf seinen Dienstwagen. Wer in Bad Homburg die gepanzerte Limousine in die Luft gesprengt hat, wissen die Ermittler nicht. Die Bundesanwaltschaft vermutet, die 1999 festgenommene Andrea Klump sei an der Tat beteiligt gewesen.

27. Juli 1990: Hans Neusel, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, überlebt einen Bombenanschlag der RAF auf seinen Wagen. Die Täter bleiben unerkannt.

13. Februar 1991: Mehr als 250 Schüsse aus drei automatischen Waffen werden auf die US-Botschaft in Bonn-Bad Godesberg abgefeuert. Die Polizei findet eine DNA-Spur der bis heute untergetauchten Daniela Klette. Die Tat ist nicht geklärt.

1. April 1991: Detlev Karsten Rohwedder, Präsident der Treuhandanstalt, wird am Fenster seines Düsseldorfer Wohnhauses erschossen. Am Tatort findet die Polizei drei Patronenhülsen, einen Plastikstuhl, ein Handtuch sowie ein Fernglas und ein Bekennerschreiben eines RAF-Kommandos „Ulrich Wessel“. Die Täter sind bis heute nicht ermittelt. Zehn Jahre nach dem Mord meldet das Bundeskriminalamt, durch eine DNA-Analyse von Haaren, die auf dem blauen Handtuch am Tatort gefunden wurden, sei RAF-Mitglied Wolfgang Grams als möglicher Mittäter identifiziert worden.

27. März 1993: Der Sprengstoffanschlag auf die JVA Weiterstadt („Kommando Katharina Hammerschmidt“) ist die letzte spektakuläre Tat der RAF vor ihrer Auflösung im Jahr 1998. Das neue, noch nicht bezogene Gefängnis wird weitgehend zerstört, es entsteht ein Sachschaden von 123 Millionen Mark. Die Täter sind nicht ermittelt. Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass Birgit Hogefeld und der am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen ums Leben gekommene Wolfgang Grams dabei waren. Das OLG Frankfurt verurteilt Hogefeld auch wegen des Anschlags, der Bundesgerichtshof hebt den Richterspruch in diesem Punkt jedoch auf. In einem weiteren Prozess wird das Verfahren gegen Hogefeld in Bezug auf den Anschlag auf die JVA Weiterstadt“ eingestellt. Die Tat ist nicht aufgeklärt.

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