Politik : Wer, wenn nicht Rio und die Unternehmer?

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Was verbindet den Deutschen Gewerkschaftsbund, den Bundesverband Junger Unternehmer, Rio Reiser und den Rabbiner Hillel? Der schöne Vers "Wer, wenn nicht wir?". Denn der Slogan der brandneuen Image-Kampagne des DGB ist gar nicht neu. Er ist sogar richtig alt. Mindestens 1800 Jahre alt. Der Spruch geht auf eine jüdische Lehrsammlung für Rabbiner, den Mischna Abot, zurück. "Das war uns nicht bewusst", sagt Matthias Giese, der zuständige "Kreativdirektor" von der Düsseldorfer Werbeagentur FGK. "Aber was ist heute schon noch neu?" Das mag sich schon Rio Reiser gefragt haben. Der einstige Sänger der Politband Ton Steine Scherben sang 1987 mit seinem Lied "Wann" und dem darin verarbeiteten selben jüdischen Vers gegen die wachsende Ernüchterung der Weltverbesserer an.

Catherine Hezser, Privatdozentin am Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin, hat die antike Textstelle sofort parat und liefert gleich die wissenschaftlichen Anmerkungen mit. Die von der Gewerkschaft unbewusst aufgegriffenen Worte des Rabbiners Hillel bergen demnach sozialpolitisch durchaus Bedenkliches für die Arbeitnehmervertreter. Geradezu neoliberales Gedankengut wird da verbreitet: "Jeder trägt selber die erste Verantwortung für sich", heißt es in den Anmerkungen, "und darf nicht erwarten, noch darauf vertrauen, dass andere für ihn sorgen und handeln." Das passt dann doch eher zu den jungen Unternehmern. Die sind schon 1982 unter dem Motto "Wer, wenn nicht wir?" in Nürnberg auf die Straße gegangen, um gegen Bürokratie und hohe Steuern zu demonstrieren.

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