Politik : Wer zum Hausarzt geht, bekommt Rabatt

Freie Arztwahl soll hingegen teurer werden / Grüne begrüßen Pläne von Gesundheitsministerin Schmidt

Cordula Eubel

Berlin. Mit einem Krankenkassenrabatt will Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) die Position der Hausärzte stärken. Wer sich bei seiner gesetzlichen Krankenkasse verpflichtet, grundsätzlich zuerst einen Allgemeinmediziner und keinen Facharzt aufzusuchen, soll einen geringeren Beitrag zahlen. Den vollen Beitrag muss dagegen zahlen, wer seinen Arzt weiter frei wählen will. Dafür sollen die Krankenkassen künftig Verträge mit einzelnen Ärzten oder Arztgruppen schließen dürfen. Das berichtet der „Spiegel“ unter Berufung auf ein internes Strategiepapier des Ministeriums. Im kommenden Jahr will Ulla Schmidt ihre Gesundheitsstrukturreform umsetzen, an deren Eckpunkten ihr Ministerium derzeit arbeitet.

Die Sozialministerin verknüpft mit dem Modell des „Hausarztes als Lotsen im Gesundheitswesen“ die Hoffnung, dass die Krankenkassen trotz eines Beitragsrabatts für ihre Versicherten Geld sparen können. Untersuchungen beim Facharzt sind deutlich teurer als beim Hausarzt. Befürworter eines solchen Modells argumentieren, dass der Hausarzt anders als der Spezialist das vollständige Krankheitsbild eines Patienten im Blick hat, weil er auch dessen Krankheitsgeschichte kenne. Er könne am besten entscheiden, ob der Patient an einen Facharzt überwiesen werden müsse oder ob eine stationäre Behandlung im Krankenhaus notwendig sei. Überflüssige Mehrfachuntersuchungen könnten so vermieden werden. In Großbritannien ist der Besuch des Hausarztes – des General Practitioner – sogar für alle Patienten Pflicht. Niedergelassene Fachärzte gibt es kaum.

Ulla Schmidts Ideen gingen „in die richtige Richtung“, lobt der grüne Koalitionspartner. Eine Stärkung des Hausarztes sei sinnvoll, sagte die Grünen-Fraktionschefin Krista Sager dem Tagesspiegel am Sonntag. Bereits die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) wollte ein solches Bonussystem einführen. Die Union hat jedoch Bedenken, dass ein flächendeckender Hausarzttarif in Deutschland schnell einführbar ist. „Dafür muss sich die Ausbildung der Hausärzte ändern“, forderte der Unions-Sozialexperte Andreas Storm gegenüber dieser Zeitung. Der CDU-Politiker sprach sich außerdem dafür aus, mehr Wahlfreiheit in der gesetzlichen Krankenversicherung einzuführen. Selbstbehalt-Tarife wie im geplanten Modellversuch der Techniker Krankenkasse (TK) sollten auf breiter Basis eingeführt werden. Freiwillig Versicherte, die 2003 mehr als 3825 Euro im Monat verdienen und seit mindestens zwölf Monaten bei der TK versichert sind, können sich einen Bonus von 240 Euro im Jahr auszahlen lassen. Pro Arztbesuch zahlen sie im Gegenzug 20 Euro, zuzüglich der verordneten Medikamente. Sozialministerin Schmidt hatte sich in den vergangenen Tagen gegen den Tarif ausgesprochen, weil sie um die Solidarität des Systems fürchtet.

Laut „Spiegel“ will die Ministerin außerdem Kliniken künftig erlauben, die ambulante Versorgung von Krebskranken oder Multiple-Sklerose-Patienten mit zu übernehmen. Bislang durften das allein niedergelassene Ärzte. In Gebieten mit Ärztemangel sollten sich Mediziner zu Gesundheitszentren nach dem Vorbild der Polikliniken aus der DDR zusammenschließen können. Statt sich niederzulassen, können Ärzte dort als Angestellte arbeiten und teure medizinische Apparaturen gemeinsam nutzen. Nach Schmidts Ansicht bietet das vor allem jüngeren Ärzten eine Chance, die aus finanziellen Erwägungen keine eigene Praxis gründen wollen. Darüber hinaus wolle die Ministerin das Honorarsystem ändern, hieß es weiter. Hausärzte sollten „Kopfhonorare“ pro Patient erhalten, Fachmediziner Festhonorare.

Der Unions-Sozialexperte Storm kritisierte das Sparpaket der Ministerin, das 2003 in Kraft treten soll, als „Verhöhnung der Beitragszahler“. Schon jetzt sei absehbar, dass zum Jahreswechsel trotz der Sparmaßnahmen die Krankenkassenbeiträge im Schnitt von 14 auf 14,4 Prozent ansteigen würden. Schmidt erwartet sich Einsparungen in Höhe von 3,5 Milliarden Euro für die Krankenkassen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben