Politik : "Werkstatt Deutschland": Der Drang zum Gag

Lutz Haverkamp

Am Ende waren alle glücklich, dass sie in ihren gelernten Berufen weitermachen können. Politiker bleiben Politiker, Chefredakteure bleiben Chefredakteure. Der symbolische Rollentausch blieb auf einen Tag beschränkt. Dennoch zeigte die Tagung "Medien und Politik" des Berliner Vereins "Werkstatt Deutschland", dass die Schnittmenge der beiden Berufe so klein gar nicht ist.

Was Medien als Unterhaltung und Information verkaufen, müssen Politiker erst einmal liefern. Bundespräsident Johannes Rau sieht das mit Sorge: "Wo Politik mehr und mehr mit Unterhaltung konkurrieren muss, wird Politik auch unterhaltend inszeniert." Die Tendenz Sachverhalte symbolisch zu verdichten, führe bei Politikern und Journalisten dazu, Inhalte zu vernachlässigen und allein die Präsentation voranzustellen. Rau: "Man denkt weniger an die Sache selbst als an das Bild der Sache in der Öffentlichkeit."

Wer Kanzler werden wolle, müsse Showtalent haben, brachte "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort, der für einen Arbeitstag mit Hessens Ministerpräsident Roland Koch den Job getauscht hatte, das Dilemma auf den Punkt. "Der Drang zum Gag ist enorm", so Markwort, der "durchaus viele Fehlentwicklungen" zugab. "Bild"-Chef Kai Dieckmann, der mit Finanzminister Hans Eichel die Rollen tauschte, sprach bei der Berichterstattung über Sebnitz selbstkritisch gar von einem "Mediengau".

Leise Kritik an seinem Rollentausch kam von Tagesspiegel-Chefredakteur, Giovanni di Lorenzo. Partner Friedrich Merz, CDU/-CSU-Fraktionschef, habe schlicht zu wenig Zeit gehabt. Immerhin sei er unfreiwilliger Zeuge eines Gesprächs auf den Fraktionstoiletten geworden, so di Lorenzo. Über den Inhalt - es ging um den Kanzlerkandidaten - habe man aber Stillschweigen vereinbart und nichts wird im Blatt stehen. Das hätte sich Rau auch von anderen Berichten gewünscht: Namenslisten von Opfern des Concorde-Absturzes beispielsweise.

Denn die Ansprüche von Lesern und Zuschauern seien gestiegen, so der Präsident. Das, so kann vermutet werden, gilt nicht nur für Zeitungen und Sender - sondern auch für die Politik. "Schließlich haben Leser und Wähler", so sagte Focus-Chef Markwort später, "eine ganze Menge gemeinsam."

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