Politik : Werner Großmann: Verzettelt

Volker Foertsch

"Die Akte über geflossene Parteispenden und auch über die jeweiligen Empfänger schwillt an (...). Zu unserem Erstaunen spielen bei den späteren staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und dem Gerichtsverfahren Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher nicht die ihnen zukommende Rolle (...). Weil wir unsere Quelle schützen wollen, aber auch aus politischer Rücksichtnahme, behalten wir unser Wissen für uns."

Werner Großmann, letzter Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit, spricht von der Flick-Parteispenden-Affäre des Jahres 1974. Sein Wissen stammt von Adolf Kanter, damals stellvertretender Leiter des Bonner Büros des Flick-Konzerns. Kanter arbeitete als Agent für die HVA.

Neu ist auch Großmanns Einschätzung für die Gründe der Ablösung von Staatsekretär Waldemar Schreckenberger 1984. Laut Großmann musste der Mitarbeiter des Kanzleramtes seinen Hut nicht wegen fachlicher Mängel nehmen, sondern wegen der Affäre um die Lieferung von Unterlagen an Südafrika für den Bau von U-Booten.

Sonst verrät Großmann in seinem soeben erschienen Buch "Bonn im Blick" nichts, was nicht schon bekannt wäre. Er würde sich selbst untreu, gäbe er mehr von den Geheimnissen der HVA preis. Er nennt einige der Agenten - "Kundschafter" - der HVA. Aber die kennen wir schon aus früheren Veröffentlichungen. Dennoch lohnt es sich, sein Buch zu lesen. Großmann zeichnet ein dichtes Bild von der Entstehung und von der Arbeit der HVA, "um die Lebensleistung der Mitarbeiter zu würdigen". Er schreibt sparsam, nüchtern, lakonisch, ohne Eitelkeit. Darin unterscheidet er sich von Markus Wolf, seinem Vorgänger.

Und Großmann ist ehrlich. Als Mitte der 80er Jahre Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, immer dringender fordert, als Ursache der Unzufriedenheit der Bevölkerung der DDR die "politisch-ideologische Diversion durch den Gegner" aufzuzeigen, stellt Großmann fest: "Nicht jede oppositionelle Haltung, nicht jede Kritik, nicht jede Verweigerung ist von außen gesteuert (...). Vieles (...) auch innerhalb der SED ist hausgemacht. Natürlich widerspreche ich nicht, schreibe ich meine Bedenken nicht auf." Oder über die technisch-wissenschaftliche Aufklärung: " Letztlich aber verzettelten wir uns genauso wie die DDR-Wirtschaft." Und über eine Sitzung des Kollegiums des MfS im Mai 1989 zur Stimmung und zur ökonomischen Situation in der DDR - Mielke sträubt sich, einen ungeschönten Bericht an Erich Honecker zu geben: "Warum handelt Krenz nicht, warum (...) ich nicht? Uns fehlt der Mut. Wir sind verstrickt in Parteiräson (...) und in Angst vor persönlichen Nachteilen."

Selbstmitleid und Sentimentalitäten scheinen Großmann fremd. Als Heribert Hellenbroich, der frühere Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), im Auftrag des Kanzleramtes 1993 mit Großmann über dieder Behandlung ehemaliger MfS-Offiziere und der Agenten der HVA sprach und ihm empfahl, die Vergangenheit ruhen zu lassen, merkt er trocken an: "Der Mann hat gut reden, dem ist nur der Präsidentenstuhl weggebrochen, mir ein ganzer Staat, und gleich noch eine ganze Utopie dazu." Ohne große Gefühlsregung nennt er die Namen von ehemaligen MfS-Offizieren, die ihr Wissen an westliche Geheimdienste verkauften.

Knapp erwähnt er seine Enttäuschung über die ehemaligen Kameraden vom sowjetischen KGB, die es unterlassen haben, über die russische Regierung auf Bonn im Interesse einer Amnestie einzuwirken. Die strafrechtliche Behandlung der ehemaligen Offiziere und der Agenten der HVA beschäftigt ihn jahrelang und natürlich das Strafverfahren, das gegen ihn selbst geführt wird. Bis 1995 das Bundesverfassungsgericht entscheidet, dass Agenten und Offiziere der Stasi nicht strafrechtlich belangt werden könne, sofern sie nur in der DDR tätig waren.

Vor der Vereinigung überlegt der Stasi-Obere, ob er sich absetzen soll. Doch Großmann flieht nicht. "Ich bin also fest entschlossen, hier zu bleiben, zu meinem Leben zu stehen und mich meiner Verantwortung zu stellen." Nicht nur das, er setzt sich auch für die anderen ehemaligen Angehörigen der HVA ein.

Manches allerdings verklärt Großmann: Etwa die Motive des SPD-Abgeordneten Karl Wienand, der nur ein "back channel" gewesen sei, aber kein Agent. Auch seine Anweisung, keine Agenten oder Akten an das KGB zu geben, als das Ende der HVA naht, ist eher eine Beschwörung. Dem Gegner bezeugt er Respekt, wo ihm das geboten erscheint. Dem BfV etwa, das ein Raster zur Entdeckung von Illegalen der HVA entwickelt und damit "ins Schwarze trifft". Oder dem BND. "Den letzten Anstoß, Wolf in den Ruhestand zu entlassen, gibt pikanterweise der BND. Einer seiner Agenten lernt in Bulgarien die geschiedene Frau des HVA-Chefs kennen und will sie zum Übertritt in die Bundesrepublik überreden."

Interessant seine Darstellung, wie die HVA 1986 / 87 versucht, die Sowjets zu überzeugen, dass die Nato keinen Angriff des Warschauer Paktes erwartet und folglich keinen nuklearen Erstschlag plant. Er ist stolz auf die HVA ohne sich selbst in den Vordergrund zu rücken. Es wird ihm bitter aufgestoßen sein, dass die Informationen und Reflexionen über den desolaten Zustand der DDR - viel darüber erfährt die HVA von ihren Westagenten -, in der Führung der DDR nichts bewirken. Die HVA läuft sich tot. Das Regime, dem sie dient, ist schon gestorben.

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