Westafrika-Experte : "Elfenbeinküste droht in Anarchie zu versinken"

Gilles Yabi arbeitet für die nichtstaatliche "International Crisis Group". Mit dem Tagesspiegel spricht er über Waffen, menschliche Schutzschilde und das Leiden der Zivilbevölkerung in der Elfenbeinküste.

Die Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste, Abidjan, bleibt weiter zwischen Anhängern des abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo und des international anerkannten Wahlsiegers Alassane Ouattara umkämpft. Wie lange könnte es noch dauern, bis der Konflikt militärisch gelöst ist?

Die Truppen von Gbagbo leisten in Abidjan, sozusagen im Herzen der Macht des abgewählten Präsidenten, starken Widerstand. Man muss damit rechnen, dass Gbagbo verstärkt Zivilisten, von denen einige in den vergangenen Tagen massiv mit Waffen versorgt wurden, als menschliche Schutzschilde benutzen wird, um seinen Präsidentenpalast und seine Residenz zu verteidigen. Je länger sich die Kämpfe hinziehen, umso schwieriger wird die humanitäre Situation in Abidjan. Damit riskiert Alassane Ouattara auch, die Unterstützung eines Teils der Bevölkerung zu verlieren.

Nicht nur die Unterstützer Gbagbos gehen brutal vor, sondern auch die Truppen von Ouattara. Woher stammen die Waffen für die Soldaten Ouattaras?

Es gibt keine förmlichen Beweise, aber Hinweise, die darauf hindeuten, dass die Truppen Ouattaras in den letzten Wochen und Monaten militärische Ausrüstung aus Nigeria und Burkina Faso erhalten haben. Das wäre jedenfalls nicht überraschend, weil Alassane Ouattara von der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas als gewählter und legitimer Präsident anerkannt wird.

Wenn es demnächst zu einem Ende der Kämpfe kommen sollte – wie könnte dann eine langfristige politische Lösung für die Elfenbeinküste aussehen?

Es gibt zwar einen Friedensprozess – er ist aber ins Wasser gefallen, weil sich der Verlierer der Präsidentenwahl vom vergangenen November, Laurent Gbagbo, weigert, seine Niederlage anzuerkennen. Deshalb ist es derzeit gar nicht möglich, langfristige Lösungen ins Auge zu fassen. Die Realität ist eine andere: Niemand hält in der Elfenbeinküste mehr die öffentliche Ordnung aufrecht, weder in Abidjan noch im Rest des Landes. Die Zivilbevölkerung ist allen möglichen bewaffneten Gruppen ausgeliefert: Anhängern Gbagbos, Gefolgsleuten Ouattaras, aber auch Plünderern, die keinem der beiden Lager angehören. Auf lange Sicht droht die Elfenbeinküste in einem Zustand der Anarchie zu versinken.

In Libyen mischt sich die internationale Staatengemeinschaft in den Konflikt ein, in der Elfenbeinküste nicht. Zu Recht?

Die Elfenbeinküste ist wichtig für Westafrika und Afrika insgesamt, aber in den Augen der Weltgemeinschaft weniger wichtig als ein Land wie Libyen, das über riesige Ölvorräte verfügt.

Das Gespräch führte Albrecht Meier.

Gilles Yabi ist Westafrika-Experte der „International Crisis Group“. Die nichtstaatliche Organisation vertritt Yabi in der senegalesischen Hauptstadt Dakar.

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