Politik : Wider die Spaltung der Welt

Der amerikanische Diplomat George F. Kennan wird 100

-

Im Frühjahr 1949, die Blockade geht gerade ihrem Ende entgegen, beobachtet der amerikanische Diplomat George F. Kennan Berliner Kinder, die in Ruinen spielen und in den überfließenden Rinnsteinen Dämme aus Trümmergestein bauen. Sie erwecken in ihm Gefühle von Verzweiflung und Hoffnung zugleich. Er hört, wie ein Junge die Wolken als Tag und Nachtfee beschreibt. „Du hast recht, mein Kerlchen,“ schreibt er später in seinen Erinnerungen, „es gibt eine Tagfee und eine Nachtfee, eine helle Wolke und eine dunkle Wolke. Und welche von beidem über deinem Leben steht – das ist die Frage“. Wenn diesen Kindern doch einer zeigte, heißt es dann weiter, „dass am Ende des zarten Regenbogens, der sich tatsächlich an diesem Nachmittag über ihnen spannte, wann immer die Märzsonne durch das Schneegestöber drang – dass es da Dinge wie Freiheit und Sicherheit gibt und Befriedigung über die eigene Leistung und einen Geist der Humanität, dem eine Welt voll Schönheit und Wärme offen steht: wenn einer das täte, dann würden die Trümmer ihre Macht über diese Kinder verlieren und die Tagfee die Herrschaft übernehmen“.

George F. Kennan gehört zu den Persönlichkeiten, die dazu beigetragen haben, dass die Deutschen diesen Weg gefunden haben – durch sein Wirken als Diplomat und seine zutiefst humane Anteilnahme an ihrem Schicksal. In Wisconsin geboren und aus einer alten Pionierfamilie stammend, entwarf er nach dem Beginn der Ost-West-Konfrontation die Strategie des „containment“, der langfristigen Eindämmung des sowjetischen Machtanspruchs, bei gleichzeitiger Stabilisierung West-Europas und Japans. Er wurde Leiter der Planungsabteilung im US-Außenministerium und war Botschafter in Moskau und Belgrad. Nach der Beendigung seiner diplomatischen Laufbahn begann er eine zweite Karriere als Professor für Geschichte, schrieb vorzügliche „Memoiren eines Diplomaten“ und war über die Jahrzehnte hinweg ein engagierter und eigenwilliger Kommentator von Politik und Weltlage. Er gewann eine enge Beziehung zu Deutschland - zur Vorbereitung seiner Entsendung in die Sowjetunion hatte er in Berlin Russisch und Osteuropa-Geschichte studiert; damals sei ihm die Stadt, so schrieb er später, fast zu einer zweiten Heimat geworden. Von 1939 an war er nochmals in Berlin, diesmal an der Botschaft.

Die unmittelbare Bobachtung der nationalsozialistischen Herrschaft wie seine Tätigkeit in den frühen Nachkriegsjahren haben Kennan zu einem Freund der deutschen Demokratie gemacht, verständnisvoll und kritisch zugleich. Die Bundesrepublik dankte es ihm 1976 mit der Berufung in den Orden Pour le merite und mit der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1982. An diesem Montag wird George F. Kennan, nicht nur eine große Gestalt der Nachkriegszeit, sondern des vergangenen Jahrhunderts, in Princeton 100 Jahre alt. Rdh.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben