Politik : Widersprüchliche Augenzeugenberichte, wo er festgehalten wird

Elke Windisch

Andrej Babizkij, der Kaukasus-Korrespondent des US-Auslandssenders Radio Liberty, der vor gut einem Monat in Tschetschenien unter mysteriösen Umständen verschwand, wird wahrscheinlich in einem der berüchtigten Filtrationslager gefangen gehalten. Gemeint sind damit Sammelstellen, in denen nach Darstellung Moskaus Personen vorübergehend interniert werden, denen Mitarbeit in terroristischen Vereinigungen zur Last gelegt wird. Wie ehemalige Insassen dieser Lager berichten, sind dort jedoch Prügel und andere Foltermaßnahmen an der Tagesordnung.

Dass auch Babizkij, der in Moskau druch kritische Beiträge aus Grosny aufgefallen war, in eines dieser Lager verschleppt wurde, erfuhr Wladimir Dolin, ein Mitarbeiter des russischen Dienstes von Radio Liberty, eher per Zufall.

Bei Recherchen in einem Flüchtlingslager in Inguschetien machte Dolin die Bekanntschaft eines 20-jährigen Tschetschenen, der gut drei Wochen im Filtrationslager Tschernokosowo im Nordwesten Tschetscheniens zubrachte. Dort wurde er von russischen Soldaten zum Krüppel geschlagen, jetzt kann er ohne fremde Hilfe das Bett nicht mehr verlassen kann. Der junge Mann, der sich mit dem Namen Rizwan vorstellte, sagte, er sei Anfang Februar für etwa eine Stunde mit Babizkij zusammen in eine Zelle gesperrt worden: Aus einem Eisenbahnwaggon auf dem Abstellgleis, so Rizwan gegenüber "Radio Liberty", habe man ihn zum Verhör abgeholt und dort geprügelt. Nach etwa einer Stunde habe man ihn in eine andere Zelle gebracht, in der bereits zwei Häftlinge saßen. Die Begleiter hätten den einen Häftling angesprochen: "Babizkij, pack deine Sachen und komm mit." Wie der tschetschenische Augenzeuge berichtet, wies Babizkijs Gesicht deutliche Spuren von Schlägen auf.

Rizwan wurde Mitte Februar von seiner Familie frei gekauft. Das Schicksal Andrej Babizkijs ist trotz intensiver Suche mehrerer russischer Kollegen weiterhin unklar.

Zwar hatten die Medien vor einiger Zeit berichtet, Babizkij sei gegen fünf russische Kriegsgefangene vom Inlandsgeheimdienst FSB auf eigenen Wunsch an einen tschetschenischen Feldkommandeur übergeben worden und halte sich gegenwärtig im Dorf Dubai-Jurt auf. Als Beweis dafür war hiesigen Redaktionen die Kopie einer entsprechenden Erklärung Babizkijs zugespielt worden. Bislang ist jedoch nicht klar, ob das Papier wirklich von Babizkij stammt. Beweise dafür, dass Babizkij in Dubai-Jurt ist, fehlen ebenfalls.

Der Korrespondent der Tageszeitung "Komsomolskaja prawda", Alexander Jewtuschenko, hält den angeblichen Austausch Babizkijs für eine gezielte Desinformation. Er, so Jewtuschenko in "Radio Liberty", habe Informationen, wonach Babizkij bei dem "Austausch" von einer Gruppe von FSB-Mitarbeitern lediglich an eine andere übergeben wurde und danach in ein anderes Lager verschleppt wurde. Zwar sei ein Austausch ursprünglich geplant gewesen, wie Jewtuschenko der zuständige Staatsanwalt, den er persönlich kennt, sagte. Die Aktion sei nach dessen Worten jedoch durch direkte Intervention "einer hohen FSB-Charge aus Moskau" abgeblasen worden.

Jewtuschenko wörtlich gegenüber Radio Liberty: "In Anbetracht seines Zustandes weiß Moskau einfach nicht, wie man weiter mit Babizkij verfahren soll. Es gibt eigentlich nur zwei Varianten: Entweder beseitigt man ihn einfach. Russlands Geheimdienste haben reiche Erfahrung, wie das zu bewerkstelligen ist. Oder aber die Furcht vor Weiterungen des Skandals gewinnt die Oberhand und Babizkij wird freigelassen. Dann aber droht neuer Ärger, weil Babizkij dann auspackt und alles erzählt, was er gesehen und selbst durchgemacht hat. Das aber reicht aus, um Russland vor ein Kriegsverbrechertribunal zu zerren."

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