Politik : Wie Deutschland vor dem Nationalismus bewahrt wird

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Ganz Deutschland ist von WM-Fanatikern überrollt worden. Sie tyrannisieren das Land mit hysterischen, schlimmer noch: fanatischen Sprechgesängen und verstören Menschen und Tiere durch das hektische, kollektive Schwenken schwarz-rot-gelber Tücher. Das Land befindet sich unter der Knute von Nationalisten, Chauvinisten und Revanchisten.

Ganz Deutschland? Nein, es gibt sie noch, die vereinzelten Nester des Widerstandes gegen die überbordende Deutschtümelei, die mit ordnender Hand und einem pädagogischen Erziehungsschnitt gegen den nationalistischen Wildwuchs vorgehen wollen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, eine bewährte Vertreterin fortschrittlicher Kräfte in unserem Land, warnt entschieden vor dem ungeschützten Absingen der Nationalhymne ohne vorhergehende Lektüre einer Gebrauchsanweisung. Dieses Lied – von einem gewissen Haydn aus Österreich (!) komponiert, und einem Adligen (!) namens Fallersleben getextet –, transportiere die Stimmung des Nationalismus und der deutschen Leitkultur. Diesem furchtbaren Loblied auf die deutsche Nation müssten, ermuntert der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne, gerade die Lehrer entschlossen entgegentreten.

Der Philosoph Walter Jens, begeisterter Fußballfreund, hält als eher Linker im Gegensatz zur GEW nichts von Verboten. Er wünscht sich eine andere Nationalhymne, weil die jetzige „unsäglich“ sei, und, wo das nicht, zumindest doch unverständlich. Brechts Kinderhymne (Anmut sparet nicht noch Mühe) scheint ihm der Vertonung wert. Soweit erkennbar, ist ihm noch niemand an die Seite gesprungen, schade, der Text ist wirklich schön, für eine Nationalhymne vielleicht ein bisschen zu verträumt: „Dass ein gutes Deutschland blühe/wie ein andres gutes Land/Dass die Völker nicht erbleichen/wie vor einer Räuberin/Sondern ihre Hände reichen“. Ja, so wären wir ja gerne, aber die Zeiten, in denen die Deutschen als Räuber wahrgenommen wurden, sind doch schon ein bisschen her.

Die „Bild“-Zeitung hat auch ein paar Unerschrockene gesucht. Sie fand Heiner Geißler, der wiederum von „Spiegel-online“ so zitiert wird: „Wenn die Fahnen fliegen, ist der Verstand in der Trompete.“ Das sei ein ukrainisches Sprichwort, weiß der frühere CDU-Generalsekretär. Viel vorsichtiger ist da Hans-Christian Ströbele, den „Bild“ im ARD-„Morgenmagazin“ so gehört hat: „Ich finde das Fahnenschwenken nicht unbedingt gut.“

Unangenehm ist die Debatte für Wolfgang Schäuble, den Bundesinnenminister. Er sollte eigentlich bei erkennbar verfassungsfeindlichen Bestrebungen – und darum handelt es sich doch offenbar beim öffentlichen Absingen der Nationalhymne – aktiv werden, aber wie man ihn kennt, wird er genau das nicht tun. Und den Franzosen am Sonntag im Leipziger Zentralstadion das Absingen ihrer Nationalhymne zu verbieten, wird ja auch nicht ganz leicht werden. ???? Na, bitte: „Bataillone, sprungauf! Marschiert! Verruchtes Blut der Acker sauf!“

Originaltext, offizielle Übersetzung, verteilt durch die Französische Botschaft in Berlin. Oje, oje, wenn das die GEW liest … apz

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