Politik : Wie die Kraniche ziehen Von Gerd Appenzeller

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Es gibt ein paar Dinge, die die Schweiz ausmachen. Das Original Offiziersmesser gehört dazu, natürlich in Rot, das Matterhorn, Heidi, der Käse, die Swatch. Früher auch die Swissair. Aber die gibt es seit dreieinhalb Jahren nicht mehr. Bei der NachfolgeAirline steht zwar auch künftig Swiss drauf. Aber wird wirklich noch Schweiz drin sein?

Die Lufthansa, die die Integration der Swiss in den eigenen Konzernverbund betreibt, wird nicht müde, die Kontinuität in der eidgenössischen Luftfahrt zu unterstreichen. Das ist nicht nur verbale Salbe, aber eben auch. Was sich jetzt vollzieht, ist in Wahrheit ein weiterer Schritt der Schweiz auf dem Weg aus der Lebenslüge, neben der übermächtigen Europäischen Union auf Dauer einen völlig eigenständigen politischen und wirtschaftlichen Kurs steuern zu können.

Ja, wenn die Schweiz Norwegen wäre, dann hätte das klappen können. Aber die Schweiz hat kein Nordseeöl, schlimmer, sie liegt auch nicht an der Nordsee, also am Rande der Europäischen Union, mit freien Zugängen zu Wasser und in der Luft zum Rest der Welt. Rund um die Schweiz ist nichts als EU. Egal, mit welchem Verkehrsmittel ein Schweizer seine Heimat verlassen will, er muss immer Territorium der EU über- oder durchqueren.

Nun müsste das zwischen freien und demokratischen Ländern kein Problem sein, zumal die meisten Europäer ganz gerne in der Schweiz leben würden. Das Land ist eine Insel des Wohlstandes, die als Neubürger nur Menschen akzeptiert, die sich, nun, vorsichtig gesagt, persönlich auf einem vergleichbaren Wohlstandsniveau bewegen. Dass ein kleines Land nicht jeden hereinlässt, kann man nachvollziehen. Dass es gegen die Gelder fast eines jeden, egal, wie schmutzig sie verdient waren, lange nichts einzuwenden hatte, verstand die EU hingegen weniger. Die Schweiz nämlich entwickelte sich mehr und mehr zum Steuerfluchtparadies nicht nur für die von den eigenen Finanzbehörden gegängelten EU-Bürger und machte daraus einen handfesten Standortvorteil.

Das war nachvollziehbar, aber angesichts der Machtverhältnisse kurzsichtig. Die Schweiz verstand ihr Verhältnis zur EU lange sehr pragmatisch. Sie akzeptierte, was ihr nützte, und lehnte ab, was ihrer Souveränität abträglich war. Die Europäer nannten das durchaus zu Recht „Rosinenpickerei“. Als die Schweizer am 6. Dezember 1992 in einer Volksabstimmung den Beitritt zum Europäischen Währungsraum ablehnten, war Brüssels Geduld am Ende. Die Wirtschaft des ganzen Kontinentes, auch die schweizerische selbst, hatte auf die Zustimmung gehofft. Von da an setzte die EU die Schweiz materiell unter Druck – keine Abkommen mehr ohne Gegenleistung. Die Swissair, der Alpenkranich, war indirekt das erste Opfer, denn in ganz Europa konnten sich Airlines inzwischen frei bewegen. Nur Swissair nicht. Das wurde mit zu ihrem ökonomischen Todesurteil.

Hinzu kamen wachsende Zweifel am legendären Perfektionismus der Schweizer: der den ganzen Rhein verseuchende Chemieunfall der Sandoz bei Basel 1986, die Abstürze von Swissair- und Crossair- Maschinen 1998, 2000 und 2001, schließlich der Zusammenstoß zweier Flugzeuge über dem Bodensee, mitverursacht durch fahrlässige Schweizer Fluglotsen – das alles erschütterte den Glauben an die Solidität eidgenössischer Institutionen. Im Bestreben, alles allein zu machen, schienen sich Deutschlands südliche Nachbarn übernommen zu haben.

Das stimmt, aber nur zum Teil. Denn wo die Schweizer sich mit Konkurrenz auseinander setzen müssen, wie im Tourismus, sind sie immer noch unschlagbar. Ihr größter Feind ist die in Überheblichkeit umschlagende Selbstsicherheit. Wem ginge das nicht so? Aber wer allein vor sich hin werkelt, ist eben mehr gefährdet. Der Pakt mit der Lufthansa ist gewiss keine Liebesehe. Was aus dem „großen Kanton“ kommt, wie die Schweizer Deutschland nennen, findet dort selten rasch Sympathie. Da die Schweizer aber auch Pragmatiker sind, werden sie merken, wenn der Deal beiden nutzt. Und vielleicht lernen die Eidgenossen ja auf diesem Weg auch, dass Europa größere Vorteile zu bieten hat als Rosinen.

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