Politik : Wie ernst ist die Warnung von Al Qaida?

-

Berlin - Der Mann mit dem weißen Turban auf dem Kopf spricht vom Nahen Osten: „Wir können nicht zusehen, wie diese Raketen auf unsere Brüder im Libanon herabregnen und dabei untätig und unterwürfig bleiben“, sagt Al-Qaida-Vizechef Aiman al Sawahiri in seiner neuen Videobotschaft. Doch er spricht auch vom Westen, von Europa, wohl auch von Deutschland. Israel werde „von allen Ländern der Kreuzfahrerallianz“ unterstützt, sagt er. „Jeder, der an diesem Verbrechen beteiligt ist, muss den Preis dafür zahlen. Wie sie uns überall angreifen, werden wir sie überall angreifen.“ Und während Experten glauben, dass die radikalislamische Hisbollah auf Gewalt in Europa verzichten wird, fürchten sie, dass Al Qaida ihre Drohung durchaus wahr machen könnte.

Die deutschen Verfassungsschützer haben so kurz nach dem Sawahiri-Aufruf noch keine Erkenntnisse, wie die Botschaft aufgenommen wurde. Islamexpertin Sonja Hegasy vom Zentrum Moderner Orient in Berlin vermutet, dass Al Qaida mit dem Aufruf auf offene Ohren treffen könnte. „Unter den Muslimen gibt es ein extremes Gefühl der Ungerechtigkeit“, sagt sie. „Bilder von toten Kindern im Libanon sind auf unzähligen Websites und laufen auf Al Dschasira.“ Viele hätten das Gefühl, ein arabisches Leben zähle weniger als ein israelisches. Deshalb sei es „nicht überraschend, dass Al Qaida den Konflikt für seine propagandistischen Zwecke nutzt“, sagt Hegasy. „Es ist denkbar, dass die Ereignisse im Libanon zu einer weiteren Radikalisierung führen.“

Doch Al Qaida könnte sich auch verkalkuliert haben: Sawahiri als Vertreter einer radikalen sunnitischen Organisation versucht in der neuen Videobotschaft, eine Allianz mit der Hisbollah zu schmieden. „Aber die Hisbollah will bis jetzt nichts mit Al Qaida zu tun haben und nennt sie Terroristen“, sagt Hegasy. Die Hisbollah hat bisher – außer bei zwei Anschlägen gegen jüdische Einrichtungen in Buenos Aires Anfang der 90er Jahre – immer vor Terror in westlichen Ländern zurückgeschreckt. Die Hisbollah wolle das Bild einer Widerstandsgruppe bewahren, sagt Judith Palmer Harik, Professorin an der Amerikanischen Universität Beirut. AFP

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar