Politik : Wie es uns gefällt

WER WIRD PRÄSIDENT?

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Von StephanAndreas Casdorff

Halbzeit im Finale. Zwei Anwärter auf den Titel. Es steht unentschieden. Und es kommt auf die nächsten Aktionen an. Horst Köhler oder Gesine Schwan – wer wird siegen?

Die Lage: Beide sind immer noch weithin unbekannt. Nur eine Minderheit kennt sie überhaupt, und eine noch kleinere Minderheit weiß, was sie sind und wofür sie sind. Nur eines steht also fest: Sie zusammen sind ein starkes Argument gegen die Forderung, dass Bundespräsidenten vom Volk gewählt werden sollten. Denn so oder so kennt das Volk seinen nächsten Präsidenten kaum.

Die Anwärter: Beide sind bürgerlich, so viel ist nach den ersten Wochen klar. Zumindest hat die Linke keinen ausdrücklichen Kandidaten. Schwan, von der SPD vorgeschlagen, könnte auch der CDU/CSU gefallen. Die Uni-Präsidentin ist wertkonservativ, praktizierende Katholikin, hat neulich die Bedeutung von Religion, Kirche und Familie herausgehoben und in der Bioethikdebatte Zurückhaltung gepredigt. Köhler ist in allen Reformbereichen weitgehend ökonomisch ausgerichtet, wirkt säkular, vertritt in der Bioethik eine freie Linie. Bei der Rente hat er eine kühle Position vertreten, die der Kirche die Sprache verschlug. Ironisch könnte man sagen: Schwan passt zu Merkel, Köhler zu Schröder.

Beide Anwärter machen Wahlkampf, obwohl es den ja nicht geben soll. Andererseits ist es gut, dass es ihn gibt, denn an ihren jeweiligen Mitteln kann man sie in der Schlussphase unterscheiden lernen. Köhler hält sich inhaltlich jetzt sehr zurück, macht dafür Goodwill-Touren durch Partei und Land, nach Sachsen zu seiner alten Klasse, nach Schwaben, dessen Idiom er nach langen Jahren, die er dort gelebt hat, spricht. In Villingen bekennt er seine Liebe zur Brezel, in Markkleeberg berichtet er von seiner ersten Liebe. Schwan tourt weniger, nähert sich weniger an, redet dafür mehr. Sie berichtet immer wieder über die Gründe für ihren Antikommunismus und beteiligt sich deutlich an Diskussionen zur Frage, ob Demokratie sich trotz Arbeitslosigkeit lohnt, denn „wenn, dann muss man richtig in die Pampe fassen“. Es amüsiert Schwan, wenn man sie für einen Amateur hält.

Dabei verhalten sich beide, je auf ihre Art, professionell. Köhler, der sagt, er habe Jahre keine deutsche Zeitung mehr gelesen, nähert sich so neugierig wie präsidial dem neuen Deutschland an; dem, das in der Zwischenzeit einen Schill und einen Küblböck hervorgebracht hat. Schwan demonstriert mit Freimut, dass Deutschland keinen Weltökonomen benötigt, sondern jemanden, der die Veränderungen der Welt und des eigenen Lebens erklären kann. Küblböck kennt auch sie nicht.

Wenn das ihre Schwächen sind, ist das ihre Stärke: Beide haben einen ausgeprägten Bezug zu Polen, das am 1. Mai, vor der Bundespräsidentenwahl, EU-Mitglied wird. Für Köhler ist der Bezug schmerzlich, seine Familie floh aus Ostpolen, für Schwan glücklich, weil sie die grenzüberschreitende Uni Viadrina leitet. Das vergangene Leid der Vertreibung ist für beide ein Thema. Die Aufarbeitung auch. Das spricht für eine Politik der guten Nachbarschaft.

Der Zwischenstand lautet: Sie kommen dem Land näher, weil sie sich selbst nah sind. Das ist spannend – macht die Entscheidung aber nicht leichter.

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