Politik : Wie Genscher, Schäuble und Schröder Jugendlichen die Wiedervereinigung erklären

Lars von Törne

Den drei Politikern da vorne auf dem Podium platzt der Kragen. "Was Sie da sagen, ist ungerecht und unhistorisch", ruft Hans-Dietrich Genscher zwei Jugendlichen im Publikum zu, die gefragt hatten, ob die Wende in der DDR statt einer Revolution nicht eher das Ergebnis von ungestilltem Konsumrausch gewesen sei, die Lust auf Golf statt Trabi. "Machen Sie es sich mal nicht zu einfach", sagt auch Wolfgang Schäuble mit strenger Stimme: "Hinter dem scheinbar Alltäglichen stand damals nämlich etwas ganz Großes: der Wunsch nach Freiheit." Und Richard Schröder stößt sogar vor Erregung eine Flasche um, die vor ihm steht, und ruft: "Die Kritik am D-Mark-Nationalismus kommt immer von den Leuten, die damals schon die D-Mark hatten." Dann erzählt er kurz von der alltäglichen Unterdrückung in der DDR und von der Angst, offen seine Meinung zu sagen, hält inne und fragt in die Runde: "Sie halten das wohl für Geschichten aus dem Märchenland?"

Szenen einer Geschichtsstunde der besonderen Art. Am Mittwochabend waren 200 Oberstufenschüler aus beiden Teilen der Stadt ins Berliner Abgeordnetenhaus gekommen, um mit den drei Politikern über die Ereignisse vor zehn Jahren in der DDR zu reden. Parlament und Landesschulamt hatten dazu eingeladen. Zwei Welten treffen aufeinander. Hier die Akteure, die damals Geschichte machten. Und dort die Jugendlichen, die zur Zeit des Mauerfalls gerade mal acht oder neun Jahre alt waren - und die jetzt mit forschen Fragen am historischen Pathos kratzen, das in den Episoden der älteren Herren mitschwingt. Gelegentlich gehen die Emotionen hoch. Denn statt den Erinnerungen der prominenten Zeitzeugen beflissen zu lauschen, zeigen sich die Schüler erfrischend kritisch.

Ein junger Mann aus Lichtenberg will von Ex-Außenminister Genscher wissen, wieso er und seine Kollegen von den Allierten-Ländern in den Zwei-plus-vier-Verhandlungen die DDR außen vor gelassen hätten und ob es nicht möglich gewesen sei, Deutschland zu vereinigen, ohne die ehemalige DDR in die Nato zu holen. Eine junge Frau aus Charlottenburg fragt Richard Schröder, ehemals SPD-Vorsitzender in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und jetzt Professor an der Humboldt-Universität, wieso das mit der Vereinigung so schnell ging und ob nicht eine langsame Reform des bestehenden Systems besser gewesen wäre. Und der damalige Innenminister und jetzige CDU-Partei- und Fraktionschef Schäuble soll die Frage beantworten, ob die Probleme im Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschen nicht vorhersehbar waren und was die Regierung eigentlich getan hat, um sie zu verhindern.

Die Politiker auf dem Podium bemühen sich nach Kräften, den jungen Zuhörern zu erklären, was im Herbst 1989 und in den Monaten danach passierte, wie die Stimmung in jenen Tagen war, und wieso alles so schnell ging. Sie erzählen private Anekdoten und berichten von den Zwei-plus-vier-Gesprächen, den ersten freien Volkskammerwahlen und den Verhandlungen über den Einigungsvertrag. Schäuble sagt: "Wenn wir damals nicht schnell genug gehandelt hätten, wäre vielleicht schon einige Monate später die Chance verstrichen gewesen." Schröder schildert, aus welchen Gründen die erste frei gewählte Volkskammer für den Beitritt nach Artikel 23 des Grundgesetzes war, und ärgert sich, dass einige Jugendliche an diesem Abend "uns aus Mitleid mit den Ostdeutschen diskriminieren und die frei gewählte Volkskammer als Kasperletheater bezeichnen". Und Genscher schildert, wie er damals die Abgeordneten der Volkskammer gebeten habe, nicht auf die schnellstmögliche Vereinigung zu drängen, weil zu jenem Zeitpunkt die Zwei-plus-vier-Verhandlungen noch liefen, Deutschland also noch kein souveräner Staat war.

Vielen der jungen Zuhörer ist das nicht genug. Sie haken nach. Immer wieder. Wa-rum musste das alles so schnell gehen, das mit der Einheit? Wo sind die sozialistischen Ideale geblieben? Sie erzählen von ihren Eltern, die das Gefühl haben, die frisch gewonnene Macht über Nacht verloren zu haben. Und sie bezweifeln, dass sich der Umbruch in der DDR alleine mit dem Freiheitswillen der Bürger erklären lässt. "Sie werfen hier mit großen Begriffen wie Freiheit oder Demokratie um sich", bringt eine Schülerin den Generationenkonflikt auf den Punkt. "Aber diese Begriffe bedeuten uns nicht viel, wir haben das damals doch nicht erlebt."

So viel Skepsis schweißt die drei älteren Herren zusammen. Einen Abend lang scheint vergessen, dass Genscher, Schäuble und Schröder in den strittigen Fragen des Vereinigungsprozesses keineswegs immer einer Meinung waren. Aber was sind schon die politischen Unterschiede zwischen CDU, SPD und FDP, wenn es darum geht, Mauerfall und Wiedervereinigung gegen jugendliche Fundamentalkritik zu verteidigen. "Ich will Sie daran erinnern, dass das, was man hat, einem weniger wertvoll erscheint", sagt Wolfgang Schäuble mit mahnender Stimme. "Wer in Freiheit lebt, für den ist das selbstverständlich. Aber wer keine Freiheit hat, für den ist sie das Kostbarste von allem." Regelmäßig werfen Schäuble, Genscher und Schröder einander aufmunternde Blicke zu, beziehen sich in ihren Antworten aufeinander, erzählen von ihren privaten Freundschaften über die Partei- und Staatsgrenzen hinweg. Und sie versuchen, den Jugendlichen ein Gefühl von jener Zeit zu vermitteln, als es die DDR noch gab. "Kennen Sie eigentlich noch den Geruch von Trabis und Braunkohle?", fragt Schäuble in die Runde. Einige Schüler lachen, andere schütteln den Kopf.

Manch einem Jugendlichen ist die ganze Diskussion ohnehin zu abstrakt. Als Genscher von den Zwei-plus-vier-Gesprächen, von Vaclav Havel und Lech Walesa, von OSZE und KSZE erzählt, schiebt in der letzten Reihe ein Schüler seinem Nachbarn einen Zettel zu. Darauf steht: "Wir hätten uns besser vorbereiten sollen. Keine Ahnung, was ich hier fragen soll." Kurz darauf schleichen sie sich aus dem Saal, rauchen draußen eine Zigarette und warten, bis die Veranstaltung vorbei ist. Keine Fragen, keine Antworten. Die Mauer? Das war einmal.

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