Politik : Wie Göttingens Anti-Atom-Aktivisten mit Jürgen Trittin diskutieren

Reimar Paul

Es war ein bisschen so wie früher. Anti-Atom-Transparente hängen an den Wänden, die Leute hocken dicht gedrängt auf dem Fußboden des überfüllten Raumes. Sie rufen Parolen gegen das Kapital, die Bundesregierung, die "Atommafia", und mitten im Getümmel sitzt Jürgen Trittin. Der Göttinger Grünen-Kreisverband hatte den Umweltminister, der den Wahlkreis auch als Bundestagsabgeordneter vertritt, für Donnerstagabend zu einer Diskussion über den Atomausstieg eingeladen. Es war aber auch anders als damals. Denn Trittin, der hier in den 70er Jahren studiert und seine politische Karriere in einer kommunistischen Organisation begonnen hat, agitiert nicht mit gegen "die da oben". Trittin ist heute einer von "denen". Er verteidigt den Atomkurs der Regierung.

Nicht nur Parteimitglieder sind gekommen. Auch viele Aktivisten aus Anti-Atom-Initiativen und studentischen Gruppen, die mit den "spießigen Grünen", wie sie sagen, "schon lange nichts mehr am Hut haben". "Wie lange wollt Ihr Euch denn noch verarschen lassen?", fragt ein junger Mann den Minister. 19 Atomkraftwerke seien zu Beginn der Legislaturperiode am Netz gewesen, jetzt liefen immer noch alle 19, Abschaltungen seien nicht in Sicht. Im Gorlebener Salzstock werde weiter gebuddelt, das Endlager Schacht Konrad stehe vor der Genehmigung, und demnächst sollten auch noch die Castor-Transporte wieder rollen.

Trittin mahnt zur Geduld und einer "realistischen Betrachtung". Es gebe erstmals "gute Chancen", die Betriebsgenehmigung für die Reaktoren zu befristen. Die Einigung mit der Energiewirtschaft sei "zum Greifen nah". Wenn die von der Koalition angestrebte Laufzeit von 30 Jahren in den Verhandlungen durchgesetzt werde, bedeute dies, "dass der letzte Reaktor im Jahr 2016 vom Netz geht". Und das sei doch etwas. Pfiffe, Buh-Rufe, nur vereinzelt gibt es Beifall. "Sofort abschalten", fordert einer. "Konsens ist Nonsens", schreit ein anderer.

Irgendwann verliert auch der Minister die Fassung. "Was habt Ihr denn erreicht mit eurem außerparlamentarischen Widerstand?", will er wissen. Kein Kraftwerk sei durch Demonstrationen stillgelegt, kein Castor-Transport durch Straßen- und Schienenblockaden gestoppt worden. Die Gründung der Grünen sei 1980 doch gerade deswegen erfolgt, weil die Kämpfe an den Bauzäunen zu nichts geführt hätten. Der Versammlungsleitung ist die Diskussion längst entglitten, mehrfach drohen die Leute auf dem Podium mit dem Abbruch der Veranstaltung. Zu einer Annäherung kommt es nicht, das Tischtuch zwischen Trittin und den radikalen Atomkraftgegnern innerhalb und außerhalb der Partei scheint zerschnitten. "Wir haben viel geschrieen und aneinander vorbeigeredet", meint eine Frau am Ende der turbulenten Veranstaltung resigniert. "Aber zu sagen haben wir uns eigentlich nichts mehr."

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