• Wie Kinder in Deutschland aufwachsen: Unicef-Studie entdeckt große regionale Unterschiede

Wie Kinder in Deutschland aufwachsen : Unicef-Studie entdeckt große regionale Unterschiede

Unicef hat die Situation von Kindern in Deutschland untersucht - und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

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Außen vor. In Berlin haben Kinder es laut Unicef-Studie besonders schwer.
Außen vor. In Berlin haben Kinder es laut Unicef-Studie besonders schwer.Foto: dapd

Berlin - Mitten in die Debatte über Krippenausbau, Förderung der Kindergärten und Elterngeld platzt die jüngste Studie des Kinderhilfswerks Unicef zur Lage von Kindern in Deutschland mit explosiven politischen Thesen: Nach Auswertung unterschiedlichster Statistiken stellen sich die Autoren von der Humboldt-Universität in Berlin die Frage, „ob eine bessere Infrastruktur für frühkindliche Bildung nachweislich soziale Benachteiligungen ausgleichen kann“. Empirische Zusammenhänge sind jedenfalls nicht zu belegen, behaupten die Wissenschaftler Hans Bertram, Steffen Kohl und Wiebke Rösler. Warum liege das Niveau in der Schweiz bei Pisa-Studien dann höher, obwohl sie kein umfassend ausgebautes Kindergartensystem auf dem Niveau von Ländern wie Schweden oder Dänemark oder auch Frankreich haben?

Auch die vielen Schulreformen, die familiäre Defizite ausgleichen sollen, haben nach Ansicht der Autoren wenig kompensiert. Nur starke Eltern haben starke Kinder. Daher lautet ihre Folgerung: Die konkrete Teilhabe der Eltern am Berufsleben ist mindestens genauso wichtig wie längeres gemeinsames Lernen und andere schulische Förderung. Bildungspolitik müsse daher ganzheitlich angegangen werden und dazu gehöre eine Arbeits- und Sozialpolitik – vor allem in den neuen Bundesländern, wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist.

Dass die Berufstätigkeit von Müttern Kindern nicht schadet, belegen die Autoren mit dem Rückgriff auf eine Umfrage im GEOlino-Wertemonitor aus dem Jahr 2010: Demnach gehen die befragten sechs- bis 14-jährigen Kinder mit der Erwerbstätigkeit ihrer Mütter sehr pragmatisch um. Die überwiegende Mehrzahl der Kinder mit erwerbstätigen Müttern sei sehr stolz auf ihre Mütter, auch wenn sie den zusätzlichen Stress durchaus wahrnehmen. Sie beurteilen aber die Zeit, die ihre Mütter mit ihnen verbringen, als sehr glückliche und wichtige Zeit. Aus Sicht der Kinder zeigten vielmehr die Väter zu wenig Interesse an ihrer Entwicklung.

Und noch eine Botschaft haben die Autoren an die Bildungspolitiker: Die ausschließliche Konzentration auf Leistungssteigerungen in der Schule führe dazu, dass einzelne Gruppen von Kindern systematisch ausgeschlossen würden. Fazit: Gute Schulnoten würden überbewertet, denn gutes Sozialverhalten sei ebenso wichtig für das Selbstbewusstsein der Kinder und das Gefühl, dazu zu gehören. Damit formulieren die meinungsfreudigen Autoren Thesen, die teilweise allerdings auf dünner empirischer Grundlage.

Insgesamt betont die Studie, die unter anderem den Mikrozensus 2008 und die Pisa-Studie von 2006 auswertet, dass die regionalen Unterschiede in Deutschland gravierend sind – teilweise sind sie größer als zwischen einzelnen OECD-Staaten. Der Fokus lag auf dem materiellen Wohlbefinden, Gesundheit und Sicherheit, Bildung und Ausbildung sowie dem subjektiven Wohlbefinden. Die Autoren fordern daher regional unterschiedliche Strategien zur Verbesserung der Lage.

In Stadtstaaten fühlen sich Kinder nach eigenen Angaben weniger wohl als in Flächenstaaten. Doch auch dabei gibt es Unterschiede: Während in Berlin und Bremen die Jugendlichen ihre Beziehungen zu Gleichaltrigen und zur Familie als besonders schlecht schildern, schneidet Hamburg in dieser Kategorie am besten aller Bundesländer ab. Wieso in Hamburg zwölf Todesfälle von Unter-18-Jährigen auf 100000 Einwohner kommen, es in Bremen, Thüringen und Sachsen-Anhalt aber doppelt so viele sind, ist den Autoren ein Rätsel. Und mit weiteren allgemeinen Überzeugungen räumt die Studie auf: Die bundeseinheitliche Betrachtungsweise führe dazu, die relative Kinderarmut in den ostdeutschen Bundesländern zu überschätzen. Im Gegenzug werde diese in den alten Bundesländern unterschätzt.

Insgesamt schneidet – wie immer – der Südwesten Deutschlands zwar am besten ab. Aber einen Ost-West-Gegensatz ergeben die Platzierungen dennoch nicht. Im Gesamtranking liegt Brandenburg auf Platz sechs – vor Nordrhein-Westfalen oder Hessen. Bei Gesundheit und Sicherheit liegt Brandenburg sogar auf Platz eins. Bei den Schulleistungen kommt Thüringen auf den fünften Platz. Berlin liegt insgesamt auf Platz 14 von 16 Bundesländern, bei Bildung aber auf dem letzten Platz. Die Autoren heben hervor, dass in Berlin doppelt so viele Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen wie in Bayern.

Die Stärke der Studie liegt darin, dass sie die subjektive Bewertung von Kindern selbst stärker einbezieht als herkömmliche Untersuchungen und damit neue Fragen aufwirft. Sie ist mehr Denkanstoß als Handlungsanweisung.

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