Politik : Wie man News macht

Hans Monath

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Wo kommen eigentlich die ganzen Nachrichten her, die eine Zeitung druckt? Die einfachste Variante geht so: Ein wichtiger Mensch sagt an einem öffentlichen Ort etwas Neues, ein Reporter hört zu und schreibt es auf. Diese Praxis des Berichtswesens ist unter Medienleuten als „Verlautbarungsjournalismus“ verschrien. Gäbe es nur diese Form von Nachrichten, würden sich die Schlagzeilen streng nach dem Terminkalender von Staatsoberhäuptern und Parteichefs richten – und am Feiertag gäbe es gar nichts zu berichten. Außer wenn gerade wieder SPD-Parteitag in, sagen wir, Brandenburg ist oder der 3. Oktober auf einen Sonntag fällt. Glücklicherweise kommen Journalisten manchmal auf die Idee, jenseits von Pressekonferenzen selbst Fragen zu stellen oder gar unbekannte, heikle Sachen zu recherchieren. Eine amerikanische Anekdote beweist im Übrigen, wie Journalisten wirklich heiße Nachrichten produzieren. Also: Henry Kissinger besucht nach seiner Ernennung zum Außenminister zum erstenmal Chicago. Kaum hat er die Gangway verlassen, wird er schon von Reportern umringt und mit der Frage bombardiert: „Werden Sie in Chicago Nachtclubs besuchen?“ Der arme Kissinger, der bekanntlich ein Amerikanisch mit schwerem fränkischen Akzent spricht, sieht sich völlig unvorbereitet mit der heiklen Frage konfrontiert und antwortet: „Gibt es in Chicago Nachtclubs?“ Am nächsten Tag erscheint dann eine große Zeitung der Stadt mit der Schlagzeile: „Erste Frage von Henry Kissinger nach der Landung: Gibt es in Chicago Nachtclubs?“ Diese Schlagzeile, man kann viel gegen sie einwenden, entsprach immerhin der Wahrheit. Wenn das keine gute Nachricht ist.

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