Politik : Wie reagiert die CDU-Basis auf die Spendenaffäre? Eine Fallstudie aus Berlin-Zehlendorf

Ulrich Zawatka-Gerlach

Schon wieder eine Parteispende. Ein junger Mann in Freizeitkluft, der sich als CDU-Ortsvorsitzender und Unternehmer vorstellt, überreicht einen Barscheck. Der Bezirksparteichef in Berlin-Zehlendorf, Uwe Lehmann-Brauns, zählt durch: 250 Menschen sitzen im Saal, für jeden werden zehn Mark gezahlt. 2500 Mark für den CDU-Kreisverband: Ein schöner Erfolg, die Leute klatschen. Größeren Beifall aber bekommt Michael Glos, der Mann aus Unterfranken, CSU-Landesgruppenchef im Deutschen Bundestag, der am Mittwochabend im Rathaus Zehlendorf zu einem Thema spricht, für das er kein Manuskript zur Hand hat, "dem ich aber nicht ausweichen kann".

Der CDU-Kreisverband Zehlendorf hat in den Bürgersaal zu einer Veranstaltung eingeladen: "CDU - Gefangene der Spendenaffäre?" Die einzige Diskussionsrunde dieser Art in Berlin. "Wir wollen uns nicht feige beiseite drücken", begrüßt Lehmann-Brauns die Gäste. Die hessischen Verhältnisse hätten ihn fassungslos gemacht, die Affäre trage mafiotische Züge, es könne darauf nur eine Antwort geben: "Heraus mit denen, die das zu verantworten haben, aus ihren Funktionen oder aus der Union." Im gleichen Atemzug beklagt der CDU-Mann die "Jagd auf die CDU". Rot-Grün nutze die Medien rücksichtslos aus, um die Union zu düpieren. Auch die SPD wage sich weit vor. "Trotz Rau und Schleußer, Glogowski und Hombach." Für den folgenden Satz wird Lehmann-Brauns mit Beifall belohnt, denn die meisten Zuhörer sind CDU-Mitglieder: "Die breite Mehrheit in der Partei lässt sich nicht von der Lebensleistung Helmut Kohls trennen und hält Wolfgang Schäuble für einen eindrucksvollen Parteivorsitzenden." Leute wie Heiner Geißler seien nur Randfiguren.

Vielleicht hat dieser Satz die kleine Frau im rotgeblümten Kostüm ermuntert, ans Podium zu treten. Wie über Kohl diskutiert werde, spotte jeder Beschreibung, liest sie vom Blatt ab. Er sei nicht der Buchhalter der CDU, sondern der Bundeskanzler gewesen. "Für die Wiedervereinigung sind wir ihm zu ewigem Dank verpflichtet." Mit monotoner Stimme trägt sie ihre Eloge vor, bis Unruhe aufkommt. Der letzte Satz: "Für mich ist und bleibt Helmut Kohl der Fels in der Brandung." Der CSU-Mann Glos sagt zum Fels in der Brandung: Der Rücktritt Kohls als CDU-Ehrenvorsitzender sei eine "Wunde an der Seele der Partei, und ich hoffe, dass Kohl nicht bitter wird." Wenn er die Namen der Spender nicht nenne, müsse man damit leben. Die Folter sei in Deutschland abgeschafft, fügt Glos hinzu. "Da, und schon ein Stück vorher, sind die Grenzen." Was ihm, dem Politiker aus der Schwesterpartei, Sorgen macht: "Dass in der CDU Grabenkämpfe ausbrechen zwischen den Anhängern Kohls und denen, die aufklären wollen." Es wäre schlimm, wenn die CDU als Partei der bürgerlichen Mitte auseinander brechen würde. Die Leute hören dem markigen Bayern still zu, es gibt keine Zwischenrufe. Sanft wie der Pfarrer bei der Spätandacht spricht Glos den Berliner Parteifreunden Mut zu.

Wolfgang Schäuble habe in den vergangenen Tagen sehr resignative Tendenzen gezeigt. "Ich bin ja nahe an ihm dran." Glos weiß nicht, "wie lange Schäuble den Parteivorsitz halten wird, und ich glaube auch nicht, dass er sich klammern wird", aber es wäre ein Fehler gewesen, ihn jetzt aufzugeben. Die Jungen in der CDU müssten nach vorn rücken, aber man dürfe sie nicht gleich wieder verheizen. "Da wir unter uns sind, kann ich es ja sagen", fügt Glos an: "Die einzige Alternative zu Schäuble wäre Kurt Biedenkopf gewesen."

Es stimmt - die CDU ist im Bürgersaal des Zehlendorfer Rathauses weitgehend unter sich, aber jeder sagt etwas anderes. Ein blonder, gut angezogener Jüngling, stellvertretender CDU-Kreischef, will nicht, "dass Heiner Geißler als Nestbeschmutzer diffamiert wird". Ein junger Mann im Strickpulli beklagt, dass ihn seine Freunde fragen, warum er immer noch in der CDU aktiv sei. Und der Vater, langjähriges Unionsmitglied, habe gesagt: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht." Helmut Kohl habe die Partei schwer beschädigt. Noch ein Redner, jünger als Vierzig, tritt ans Podium und bekommt lebhaften Beifall, als er über das "Patriarchaten-System Kohl" spricht. "Wir müssen in uns gehen, innehalten, uns der Sache stellen."

Die geballte Kritik nötigt den geschäftsführenden Kreis-Chef Michael Braun - Anwalt, Vize-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, eine hoffnungsvolle Nachwuchskraft - , die Wogen ein wenig zu glätten. Die Parteispitze verschließe sich nicht der Aufklärung, die Angelegenheit sei bei Schäuble und Angela Merkel in guten Händen, "die Hetzjagd auf Schäuble finde ich besonders ekelhaft". Dann tritt ein alter Herr, Historiker, früher SPD-Mitglied, ans Rednerpult und schimpft auf Geißler, weil der "mit diabolischen Argumenten" Rache an Kohl übe. Der erste, der an diesem Abend den Vergleich mit den italienischen Christdemokraten anstellt, ist Stefan Schlede. Ein konservativer Bildungsexperte, immerhin stellvertretender CDU-Landesvorsitzender. Sollte die CDU ein ähnliches Schicksal ereilen, wäre dies für Deutschland desaströs. Die Union werde auch in Zukunft benötigt und sie müsse ihre Identität wiederfinden.

Schlede ist der einzige, der Schäubles 100 000-Mark-Spende kritisch anspricht. Es sei nicht normal, wenn ein CDU-Spitzenfunktionär einen Koffer mit viel Geld herumtrage. "Das kann man keinem Bürger klarmachen, die Vorgänge sind anrüchig." Ein nachfolgende Redner beschwört die christlichen Werte der Partei, der er seit zehn Jahren angehöre. "Wir müssen Buße tun." Eine Frau im schwarzen Samtkostüm, erst seit November 1999 CDU-Mitglied, fordert eine "Rückbesinnung auf die Grundwerte der Partei". Ein weiterer Redner will den personellen Neuanfang. "Nur so findet die CDU auch den moralischen Neuanfang." Ein anderer sagt: "Wenn ich als Geschäftsführer das getan hätte, was Herr Kohl getan hat, würde ich strafrechtlich verfolgt."

Am Ende der fast zweistündigen Debatte outet sich noch ein Kanther-Fan. Der ehemalige Bundesinnenminister, "der möglicherweise gefehlt hat", sei immer für Recht und Ordnung gewesen. Eine Vorverurteilung habe Kanther nicht verdient. Selbst dafür gibt es Beifall, der aber spärlich ausfällt. Glos, um ein Schlusswort gebeten, lobt die "sehr gute Diskussion", und gibt Geißler ein Bibelwort mit auf den Weg: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." Partei bedeute auch, parteiisch zu sein. "Zu dem Haufen zu stehen, zu dem man gehört." Die italienische Christdemokratie sei letztlich daran zerbrochen, "dass sich die Mitglieder und Anhänger ihrer geschämt haben". Dazu dürfe es in der CDU nicht kommen.Die Spendenaffäre im Internet: www.meinberlin.de/forum im Kanal Politik oder, der heißeste CDU-Chat, www.cdu.de

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