Politik : Wie sieht Ihr "Ruck" aus, Frau Schwan?

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Frau Professor Schwan, erinnern Sie noch, wann und aus welchem Anlass Sie das erste Mal im Schloss Bellevue gewesen sind, an dem Ort also, an dem Sie gern arbeiten würden?

Ich denke, ich war das erste Mal zu der Zeit im Schloss Bellevue, als Richard von Weizsäcker Bundespräsident war. Es war eine Abendeinladung, an die ich aber keine konkrete Erinnerung mehr habe.

Sie haben nicht am Tor gerüttelt und gerufen: Da will ich rein?

Auf diese Idee bin ich nun wirklich nicht gekommen.

Sie sind als Präsidentenkandidatin keine typische Politikerin, sondern eher eine Quereinsteigerin. Wie würden Sie sich von bisherigen Bundespräsidenten unterscheiden?

Ich habe es immer vorgezogen, mich unabhängig von anderen zu definieren. Ich bin gerne eine Frau, und ich glaube, dass ich typisch weibliche Erfahrungen in dieses Amt mitbringen kann, vielleicht auch eine gewisse Sensibilität für Schwierigkeiten, auch Ungerechtigkeiten. Frauen haben oft ein anderes Verhältnis zur Macht und zum Reiz von Macht. Dieses Amt finde ich besonders anziehend, weil es die Menschen in ein Verständigungsverhältnis zueinander bringt, das Gemeinsame herausfindet, auch überparteilich Unangenehmes sagen kann und demokratiepolitisch wirksam ist. Mir geht es nicht um Einschüchterung oder Autoritätsgehabe, sondern um die Suche nach Lösungen durch den Austausch von Argumenten.

Sie definieren damit einen Unterschied zwischen diesem und anderen politischen Ämtern. Muss nicht auch ein Kanzler Entscheidungen im Dialog und im Konsens durchsetzen?

Das ist schon richtig. Aber Politikerinnen und Politiker sind doch ganz anders in parteipolitische Auseinandersetzungen eingebunden. Mir persönlich liegen Polemiken und Abgrenzungen nicht. Ich halte es für eine glückliche Voraussetzung für diese Kandidatur, dass ich zwar in der Sozialdemokratie engagiert bin, mich aber häufig öffentlich gegen Entscheidungen der Parteiführung geäußert habe, weil ich meinte, dass übergeordnete Werte zu beachten seien, die auch für die Sozialdemokratie wichtig sind. Es geht um ein Amt, in dem ich mich nicht nach Parteidisziplin richten muss. Im Gegenteil. Ich darf es nicht mal tun.

Ist es ein Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann dieses Amt ausfüllt?

Frauen sind in Führungspositionen bisher generell unterrepräsentiert. Da wirkt es als Ermutigung, wenn eine Frau ein Amt bekleidet, das bei der intellektuellen oder geistigen Führung des Landes zu den wichtigsten gehört. Und schließlich ist die Art des Umgangs mit Macht, die Art des Umgangs mit Menschen bei Frauen ein bisschen anders als bei Männern.

Auch der mit Lebenspartnern in der Öffentlichkeit?

Ich bin mir bewusst, dass ich als Kandidatin privat manchen überrascht habe, als ich Peter Eigen als meinen Lebenspartner vorstellte. Wir wollten gleich deutlich machen, wie wir zueinander stehen. In verschiedenen Interviews ist gefragt worden, ob er die Rolle des „First Husband" im Schloss Bellevue spielen würde. Ich bin der Meinung, es ist doch ganz gut ist, wenn das traditionelle Rollenmuster ein bisschen verändert wird.

Peter Eigen hat die Nichtregierungsorganisation "Transparency International" gegründet, die gegen Korruption kämpft. Würde er das im Fall Ihrer Wahl aufgeben wollen?

Nein, das fände ich falsch.

Der Bundespräsident repräsentiert Deutschland. Gibt es etwas, was Sie als typisch „deutsch" empfinden würden?

Was mir bei Deutschen manchmal fehlt, ist der Humor. Und ich würde ganz gerne für die Deutschen selbst und im Ausland zeigen, dass wir durchaus Humor haben können, weil diese Form von lockerer Selbstdistanz in der Regel auch eine Brücke zu anderen ermöglicht. Andersherum gesagt: Es gibt eine Form von sturer Beharrlichkeit und von Ernst, die ich nicht gern habe und die ich zum Teil mit deutschen Verhaltensweisen assoziiere. Aber natürlich sind nicht alle Deutschen so, um dieses Missverständnis gleich auszuräumen.

Sie sind ein temperamentvoller Mensch. Wie gefällt Ihnen die Vorstellung, sich als Hausherrin im Bellevue diplomatische Zügel anlegen zu müssen?

Also wissen Sie, in der komplizierten Dynamik meiner Familie, in der ich aufgewachsen bin, musste ich schon früh diplomatisch vermitteln. Ich verstehe unter Diplomatie eine Haltung, die bei Klarheit der eigenen Positionen immer im Blick behält, wie das Gegenüber sie versteht und aufnimmt. Dazu gehört die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können. Ich glaube, dass ich das ganz gut kann. Es kann auch nicht schaden, wenn die Würde des Amtes zumindest teilweise mit der Leichtigkeit von Spontaneität verbunden wird.

Woher kommt Ihre Bereitschaft, zur eigenen Meinung zu stehen, wenn die eigene Gruppe es anders sieht? Wir denken an die Konflikte mit der SPD in den 80er Jahren, als es mutig war, sich als Antikommunistin zu bekennen.

Verglichen mit dem Mut, den meine Eltern als Gegner des Nationalsozialismus aufbringen mussten und der für mich immer Maßstab war, war das natürlich lächerlich. Es drohte ja nichts. Man konnte sich unbeliebt machen. Das oberste Gebot in unserer Familie war, zur eigenen Meinung zu stehen.

Bevor wir noch einmal zur SPD kommen, müssen Sie uns bitte erklären, wie das mit der komplizierten Dynamik Ihrer Familie ist...

Wir waren zu viert, meine Eltern, mein Bruder und ich. Ich war die Jüngste. Wir waren alle starke Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Temperamenten. Ich habe sehr früh ziemlich sensibel auf Konflikte reagiert, schon als ich gerade ein Jahr alt war. Ich lag im Bettchen und muss meinen Vater mit strafenden Blicken angesehen habe, weil er meinen Bruder ungemein hart angegangen war. Im Familientagebuch meiner Mutter stand jedenfalls: Obwohl du immer sofort strahltest, wenn du deinen Vater sahst, – da hast du das Gesicht nicht verzogen. Daran erinnere ich mich selbst natürlich überhaupt nicht. Aber diese Haltung war in mir offenbar sehr früh angelegt: aufmerksam zu sein darauf, ob sich Menschen verletzt oder scharf angegangen fühlen, und Wege zu finden, dass man das wieder löst oder dass man das vermeidet.

Warum haben Sie der SPD trotz allem die Treue gehalten?

Ich war mir in meiner Übereinstimmung in den Werten, wenn auch nicht immer in der Tagespolitik sehr sicher. Die SPD war die Partei, die in einem freiheitlichen System den Gesichtspunkt der gleichen Würde aller Menschen zentral in ihrem Programm hat. Das ist bis heute so.

Welche Erlebnisse mit der SPD haben Sie als bitter empfunden?

Bitter fand ich, dass ich aus der Grundwertekommission hinausgeworfen wurde. Da habe ich geheult. Da hatte auch der Einspruch von Hans Jochen Vogel nichts geholfen, auch Richard Löwenthal hatte sich bei Willy Brandt vergeblich für mich eingesetzt. Da war ich richtig traurig und auch enttäuscht über einige Menschen.

Sie haben gewarnt, dass die SPD nicht durch ihre Reformpolitik ganze Gruppen der Gesellschaft verlieren dürfe. Was meinen Sie damit?

Ich habe im Zusammenhang mit der Aufgabenverteilung zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Franz Müntefering gesagt, dass Menschen verschiedene Talente haben. Die Vermittlung der aktuellen Politik, die nicht falsch ist, mit den Werten der Partei – das kann Franz Müntefering besser. Aber das bedeutet keineswegs, dass Schröder nicht auch wertorientiert entscheidet. Diese Jahre, in denen ich Distanz zu Gerhard Schröder gehalten habe, sind lange vorbei. Darüber sprechen wir heute oft lachend.

Durch welche Meinungen oder Themen war diese Distanz entstanden?

Als Juso-Chef hat er doch sehr marxistisch geredet. Das war nie meine Position.

Da kannten Sie ihn aber schon?

Nicht persönlich, nur als politischen Kontrahenten. Nein, persönlich habe ich ihn etwa vor drei Jahren kennen gelernt. Davor hatte ich von weitem den Eindruck, dass er die Macht, den Machterwerb wichtiger nimmt als die Inhalte von Politik. Seither sehe ich das anders. Ich glaube, dass er zwar ein bisschen salopper ist als ich und im Umgang mit Macht entschiedener, aber dass er doch über Werte nachdenkt. Er ist deutlich inhaltlicher orientiert, als ich gedacht habe, und auch normativer. Doch hat er eine Scheu, das auszusprechen. Er hat Angst, pathetisch zu wirken.

Würden Sie für sich in Anspruch nehmen wollen, dass Sie den ganzheitlicheren Ansatz vertreten als Ihr Gegenkandidat, der frühere IWF-Chef Horst Köhler?

Ich formuliere es mal für mich, unabhängig von Herrn Köhler: Ich habe einen politikwissenschaftlichen Ansatz, und das ist ein ganzheitlicher. Aus dieser Sicht ist die Ökonomie ein Teil, aber nicht dasjenige, was die Politik dominieren darf, sondern umgekehrt, die Politik muss die Ökonomie mitgestalten.

Was bringt die Reformen mehr voran: mehr Konfrontation oder mehr Konsens?

Ich habe schon vor Jahren geschrieben: In der Bundesrepublik ist der politisch-kulturelle Grundkonsens nicht groß genug, um die Flexibilität hervorzurufen, die bei Reformen nötig ist. Reformen verlangen Risikobereitschaft. Man kann Risiken eingehen, wenn man weiß, dass man nicht irgendwann hinten untergeht. Und deswegen ist die Kompensation der Unsicherheit, die von Reformen immer ausgeht, durch politisch-kulturelle Sicherheit nötig. Die Menschen und die großen Akteure müssen voneinander wissen, dass sie sich in ihrer jeweiligen Legitimität anerkennen.

Wie stellen Sie sich das vor?

Wir müssen in der Gesellschaft und zwischen den großen sozialen Akteuren wieder ein Vertrauensverhältnis herstellen, das die notwendigen Risiken kompensiert.

Gibt es für Sie einen Terror der Ökonomie?

Nein, Terror nenne ich das nicht. Aber wenn Politik nicht entschieden genug darauf beharrt, Ökonomie weiter zu gestalten, gibt es die Gefahr, dass sie sich dann von der Dynamik der Ökonomie verdrängen lässt.

Der Begriff Vertrauen ist sehr wichtig für Sie. Soll dies das Leitmotiv der zukünftigen Bundespräsidentin werden, sozusagen der Schwan’sche Ruck?

Vertrauen kann man nicht durch einen Ruck stärken, sondern nur durch ganz behutsame, geduldige, faire Arbeit und verlässliches Verhalten. Vertrauen, das ist eigentlich das schöne Wunder, kann man nicht erpressen, kann man nicht erzwingen, kann man nicht kaufen, das muss man sich freiwillig schenken lassen. Und dazu muss man sich so verhalten, mit Kompetenz, Gerechtigkeitssinn und Verantwortungssinn und mit Fairness, dass die andere Seite das Vertrauen auch schenkt. Natürlich ist es auch eine Frage des Selbstvertrauens, ob ich bereit bin, jemand anderem Vertrauen zu schenken. Mein Motto ist, wo immer ich kann, Vertrauen zu stärken, damit Menschen freiheitlich miteinander zusammenleben können.

Die Fragen stellten Tissy Bruns, Gerd Appenzeller und Hans Monath. Die Fotos (im Innenhof des Zeughauses) machten Kai-Uwe Heinrich und Mike Wolff.

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