Wie uns die Zeiten ändern : Was wir alles am Hals haben

Er wärmt. Er schmückt. Wenn Orkan Niklas tobt, fliegt er auch mal weg. Als er nur Nutzstück war, war das ärgerlich. Jetzt wäre es auch schade. Denn der Schal ist modisches Accessoire.

von und Elisabeth Wagner
2012
2012Foto: IMAGO

Beim Anblick eines schaltragenden Mitschülers stellten sich in den 80er Jahren vor allem zwei Fragen: Soll das Tuch auf einen Knutschfleck verweisen, oder ist da jemand wirklich erkältet? Welche Gründe konnte es sonst geben, sich kratzige Wolle oder eine gebatikte Windel um den jugendlichen Hals zu wickeln? Der Schnupfen musste schon schlimm sein, ansonsten galt: lieber krank als entstellt. Der Schal war eine Sache für ältere Damen, für Babys und Fußballfans. Für Männer mit Aktenkoffer, die sich die kurz gefransten Enden ihres Schals auf der Brust zu einem akkuraten X legen. Sie hätten Agenten des Kalten Krieges oder Angestellte einer Versicherung sein können. Irgendetwas, das eine gewisse Unauffälligkeit verlangt. Niemand in der bundesrepublikanischen Provinz hätte doch ahnen können, was einmal werden würde.

Das Erstaunliche ist, dass die Leute inzwischen andauernd so reden, als hätte es auf diesem Planeten ein Leben ohne Schal nie gegeben. Sie nennen ihn das wichtigste Accessoire, ein unersetzliches Key-Piece jeder Garderobe. Typisch sind hier Aussagen wie die einer 19-jährigen Studentin, die meint, ohne ihn „überhaupt gar nicht angezogen“ zu sein.

Diese Einstellung ist in Anbetracht der Geschichte des Schals bemerkenswert naiv. Abgesehen davon, dass die obligatorisch langen Haare der jungen Frau plus zwei Meter Schal die Silhouette nicht unbedingt zum Vorteil verändern. Ein bisschen plump und zugehängt erscheint neben der Aufmachung aber vor allem die Ignoranz gegenüber den heimlichen, verschwiegenen Anteilen der gegenwärtig manischen Schalverwendung.

Was der Palio in Siena, ist der Fußball auf der Welt. Und die Vereinsfarben sind das Wappen und die Fanschals sind heilig. Sie sind Heimat und Identifikation. Und mitunter, wie bei diesem Verein, trocknen sie auch Tränen.
Was der Palio in Siena, ist der Fußball auf der Welt. Und die Vereinsfarben sind das Wappen und die Fanschals sind heilig. Sie...

Über Verletzlichkeit müsste man zum Beispiel sprechen. Über das Bedürfnis nach Schutz. Auf der Nackenlinie, weiß eine auf Akupunktur spezialisierte koreanische Ärztin, finde sich dazu ein entscheidender Punkt. Dort nämlich fährt der Wind in den Körper des Menschen und bringt das Wei Qi, das Abwehr-Qi, durcheinander. Die Folge können Halsschmerzen sein, Schüttelfrost, Husten und starker Schnupfen. Ein Schal kann diese Stelle im Nacken schützen. Ein kleiner Fetzen Wolle, der den magischen Trick des Schals gut demonstriert. Kaum schmiegt sich der Schal an den Nacken, verschwindet das zugige, instabile Gefühl. Wärme strömt in Arme und Schultern. Der Schal hat sein Zauberwerk getan. Er erinnert darin an seinen Verwandten, den mächtigen Mantel, dessen Rolle er nebenbei immer wieder eher schlecht als recht übernommen hat. Bäuerinnen wie meine Urgroßmutter legten sich grobe Wolltücher über die Schultern, wenn sie aus der warmen Stube nach draußen mussten. Ein Schal ließ sich rasch umwerfen, er ließ sich genauso schnell wieder loswerden. Der Designer Calvin Klein hat ihn ausdrücklich für diese unkomplizierte Eigenschaft gelobt. Den Schal, sagte Klein, müsse man, im Gegensatz zum Mantel, nicht ständig im Auge behalten, wenn er einmal „too much“ werde. Zusammenfalten ließe er sich, wegpacken. Der Schal ist nicht nachtragend, wenn er die Bühne verlassen muss. Im Gegenteil, manchmal kann gerade dieser Augenblick des Abschieds besonders effektvoll sein.

Es ist ein besonders Talent. Denn wie kaum ein anderes Teil der Mode ist der Schal grundsätzlich Geste. Die muss dabei nicht so drastisch ausfallen wie im Film „Basic Instinct“, in dem eine gewisse Catherine Tramell, überzeugend dargestellt von Sharon Stone, ihre Liebhaber beim Sex mit einem weißen Seidenschal an das Bettgestell fesselt, um sie dann, orgasmussynchron, mit einem sehr blanken Messer zu erstechen. Der Schal kann auch einfach durch Finger gleiten, zu Boden fallen. Er lässt sich um den Hals werfen, kann fliegen oder lästig werden wie eine Boa constrictor, nicht zu verwechseln mit seiner flatterhaften Cousine, einer auf der Bühne des Varieté und der erotischen Burlesque gern gesehenen Federboa.

Kein Zweifel, er kann die unterschiedlichsten Charaktere spielen. Nur eine Rolle liegt ihm gar nicht. Das ist die religiöse. Es stimmt, ein Schal lässt sich keusch und sittsam verknoten, er lässt sich ängstlich festzurren. Der Punkt ist, es ist nur eine seiner Möglichkeiten. Der Schal weigert sich, ideologisch oder absolutistisch zu werden. Er bezieht sich auf Menschen und deren Kommunikation, auf Bedürfnisse, Absichten, Selbstbilder. Er ist ein weltlicher Geselle, ein Schauspieler. Insofern liegt es ihm nicht, Frauen im Namen eines Gottes zu Objekten der Ehre zu degradieren. Das wäre dem Schal nun wirklich zu heikel. Er ist kein Schleier, kein Kopftuch. Er lässt die Haare der Menschen in Ruhe. Selbst dann, wenn er sich – in Ermangelung einer Mütze oder anlässlich eines Grace-Kelly-Lookalike-Contest, am Kopf zu schaffen macht.

In Europa entdeckte man die Möglichkeiten des Schals übrigens relativ spät. Das heißt gegen Ende des 18., des Jahrhunderts der Aufklärung. Die Engländer brachten ihn aus dem Orient mit, wo in Kaschmir bereits im 15. Jahrhundert feine Schals aus der Wolle tibetanischer Ziegen gewebt wurden. In Frankreich war er die modische Großsensation schlechthin, und die kostbar exotischen Exemplare schlugen wohl mit einigen tausend Francs zu Buche. Hierzu wird berichtet, dass sich die Damen gegenseitig den Schal zu stehlen versuchten.

In der Zeit des Empire passte er, nun überwiegend aus Musselin und Batist, vorzüglich zu den gerade um 1800 extrem weit ausgeschnittenen Dekolletés, den luftigen, hochtaillierten Chemisenkleidern des Directoires. Er diente als vornehme Ergänzung; vor Kälte bewahrte das Fichu, ein Brust- und Halstuch, oder ein kurzes Jäckchen namens Can(n)ezou.

Es ist der Kontakt zum Hals, zum Dekolleté und dessen Nacktheit, der den Schal sinnlich macht. Als Geste verrät er viel über das Begehren. Er ist spielerisch, kokett oder eng gestrickt. Im Gebrauch des Schals, in seinen Drapierungen spiegeln sich die unterschiedlichsten Geschlechterbilder. Nach dem Sturz Napoleons 1813/14 etwa verwickelt sich der Schal in den Dienst der Restauration. Das Dekolleté verdichtet sich. Es verliert an Freizügigkeit und Offenheit. Infolgedessen hat der Schal seltener mit der Haut zu tun. Im Biedermeier, das dem Schal wahrscheinlich wie keine andere Epoche huldigt, legt er sich, reich bestickt und mit dichten Quasten versehen, wie der besitzergreifende Arm eines Ehemanns auf die puffärmelbekleideten Schultern. Sehr bürgerlich und ausgesprochen tugendhaft präsentiert er sich, zugleich ungeheuer prahlerisch. Die Karikaturisten machen sich über seine Wichtigtuereien lustig. Sie zeichnen kleine Pelz- und Wolltonnen, die unbeholfen durch den Winter rollen. Die Köpfe schauen nur noch zur Hälfte heraus.

Erst der Mantel, der große Magier der Straße, wird eine zuverlässige Orientierung geben. Er wird die Silhouette verschlanken. Die berufstätige Frau des frühen 20. Jahrhunderts greift nach ihm und verlässt das Haus. Ein Mantel schenkt Bewegungsfreiheit, anders als der Schal über der Biedermeier-Krinoline, deren aufgerüschtes Hinterteil sich mit einem modernen Mantel gar nicht vertragen würde.

Die Frau im Mantel wird den Schal fast vergessen. Ihr Mantel hat einen Kragen, und der lässt sich bei Nordwind aufstellen. Zu dem Kragen passt am besten ein elegantes Tuch, das den Schnitt des Mantels, den Faltenwurf nicht stört. Im Nachhinein betrachtet, ist die Sache zwischen Schal und Mantel ziemlich klar. Der Schal hatte sich zu fügen. Die dazugehörige Regel der Moderne lautet: Je mehr Mantel, desto weniger Schal.

Der Schal im 20. Jahrhundert, das ist also eine völlig andere Geschichte. Wie sagt man es, ohne ihm zu nahe zu treten. Vielleicht so: Reiche Pariserinnen haben aufgehört, sich um ihn zu beneiden. Prahlen lässt sich nicht mehr mit ihm, dazu mangelt es dem Schal einstweilen an Exklusivität und Prominenz. An den Rand gedrängt von der Geschichte, kann er vermutlich gerade deshalb für kurze Zeit seine Sinnlichkeit zurückerobern.

So flattert er plötzlich im Fahrtwind. Frauen mit kurzen Haaren und in ärmellosen Kleidern binden ihn sich wie ein schmales seidiges Zeichen der Freiheit um den bloßen Hals. Sie tanzen Charleston und rauchen. Sie fahren Auto und treiben Wintersport. Zum Dekorieren üppiger Kaschmirtücher bleibt dieser Mode des Art Déco gar keine Zeit. Schals werden unkompliziert geknotet, sie wehen oft im Rücken der Frau, streifen fast den Boden. Das Gesetz heißt Bewegung, Tempo und Eigensinn. Der Schal kann auch das.

Für Männer war die Art, ihn zu tragen, früher schon Zeichen ihres Selbstbildes und ihrer Ego-Projektionen. An den Künstlerschal könnte man beispielshalber denken, an den Schal und die Krawatte des englischen Dandys, dessen Widerstand gegen die Prinzipien des bürgerlichen Karrieredenkens darin bestand, mit enormem zeitlichem Aufwand alles so aussehen zu lassen, als wäre es in Sekundenschnelle und mit genialischer Leichtigkeit drapiert. Auf keinen Fall durfte die Inszenierung übereifrig und angestrengt wirken, als wäre man ein Streber und wolle Eindruck schinden. Was könnte für den Dandy peinlicher sein?

Der Schal macht den feinen Unterschied. Sein Stoff, seine Maschen gehörten in ein gesellschaftliches Klassensystem. Um die Hälse der Arbeiter und Arbeiterinnen legt sich keine Spitze. Leinen und Baumwolle saugen den Schweiß der Maloche auf. Ein kleines quadratisches, zu einem Dreieck gefaltetes Tuch gehört auch an den Hals der Matrosen, Cowboys und Schornsteinfeger. Die Sänger tragen einen Wollschal, um ihre ach so empfindliche Stimme zu schonen. Johannes Heesters stolziert mit weißem Schal und Unschuldsmiene ins Maxim. Walter Momper, der ehemals Regierende Bürgermeister von Berlin, nutzte seinen roten Schal als politisches Statement. Israelhasser und Geschichtsignoranten zeigen sich im Keffiyeh, dem sogenannten Palästinenserschal. So ein Schal kann furchtbar laut schreien. Als hasserfüllte Parole kann er sich hervortun, selbstverliebt und eitel kann er sein. Oder rührend wie der Versuch eines jungen Mädchens, dank Schal einem Model zu gleichen, das in der U-Bahn zum nächsten Fashion-Casting fährt. Lässig kann er sein. Wie in Begleitung des gerade und viel zu früh verstorbenen Helmut Dietl, der ihn zum souveränsten und menschenfreundlichsten aller Zeichen machte.

Die prägende Moderedakteurin des 20. Jahrhunderts, die große Diana Vreeland, wusste, dass man diese Zeichen sehen muss. „Alles“, sagte sie, könne das geübte Auge in der Mode lesen. Das Herannahen von Revolutionen und Kriegen. Den Wandel von Geschlechterrollen. Die Sinnlichkeit. Die Angst. Selbstverständlich ist der Schal Teil dieser ungeheuer feinen Sprache, die mehr über jeden ihrer Protagonisten verrät, als der sich vorstellen kann.

Die Textilwirtschaft spricht spätestens seit 2010 von einem extremen Trend. Der Trend ist mittlerweile chronisch, er ist zu einer Art von Normalität geworden. Ein Tool des Alltags. Modejournalisten haben ihn schon in Verbindung mit Klimaanlagen und einer globalisierten Reisetätigkeit gebracht. Der Schal sei gewissermaßen eine Decke für unterwegs. Geborgenheit wäre damit sein Thema, oder in den Worten der Trendforscher: das Bedürfnis nach Entschleunigung. Er könnte genauso gut eine Mauer aus Wolle sein und dem Wunsch nach Abstand entsprechen. Gar nicht leicht, den Schal von heute zu verstehen. Experten sollten mal etwas dazu sagen.

In einer exklusiven Berliner Boutique tut man überrascht. Die Verkäuferin, eine Dame um die 50, fein kariertes Kaschmir dekoriert den Ausschnitt ihres Pullovers, glaubt offensichtlich nicht an den Satz Diana Vreelands. Sie hält den Schal schlicht wegen seines Muster- und Farbenreichtums für unverzichtbar. Ob Winter oder Frühling, ob Sommer oder Herbst – das Accessoire mache an keiner Grenze halt. Alle bräuchten ihn. Alle liebten ihn. Basta. Ihr jüngerer Kollege zögert. Augenblicke später, als die Kollegin sich einige Meter entfernt, stellt er eine eigene These auf. In Deutschland, sagt er, tue man sich schrecklich schwer mit Veränderung. Jetzt hätten die Kunden den Schal für sich entdeckt. „Da wollen sie sich nicht gleich wieder an etwas Neues gewöhnen.“ Mit dem Schal könnten sie nichts falsch machen. Es sei im Grunde ziemlich langweilig. „Ich hoffe, die Sache flacht bald ab“, sagt der junge Mann in Weste und Hemd. Zuversichtlich sei er jedoch nicht.

Wie viel Schal kommt also noch? Die Zeitungen, die den Supertrend kontinuierlich kommentiert haben, halten sich unterdessen zurück. Sie haben fleißig Schal-Typologien erstellt, haben erklärt, welcher Schal zu welchem Charakter, zu welchen Konsumgewohnheiten gehört. „Grobmaschige Wolldecken“ wurden Menschen zugeordnet, die beim Massenlabel H & M oder bei Zadig kaufen. Kaschmir gehöre auf die erfolgreiche Seite des Spektrums. Jogi Löw diente hier als leuchtendes Vorbild. Wie Spielzüge wurden seine Schal-Schlaufen analysiert, als gelte es, in den Maschen das Geheimnis des Erfolgs zu erkunden.

Möglicherweise neigt der Schal in einer Leistungsgesellschaft ja ohnehin zum Siegerkranz. Ein offener Hals macht angreifbar.

Im Tierreich bedeutet, den Hals darzubieten, unterlegen zu sein. An Menschenhälsen kann man das Alter sehen, rote Flecke. So viel Freimut macht angreifbar. Von den Influenzaviren einmal abgesehen, die ängstliche Zeitgenossen in der nun abklingenden Grippewelle dadurch abzuhalten suchten, dass sie sich Wollbahnen vor den Mund hielten. Der Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier, zu dessen Ehren am 1. April eine Werkschau im Pariser Grand Palais eröffnete, hat in einem Fernsehinterview jüngst eine Bemerkung gemacht, die helfen könnte, den Zusammenhang besser zu verstehen. Er beobachte, sagte Gaultier, eine zunehmende Tendenz zur Enge und dem Sich-Verschließen. Unfreiheit macht sich breit. Für ihn sei das erschreckend. Angenommen, der Mann hat recht. Ist der Schal dann nicht logischerweise ein Teil dieser Entwicklung?

Zu einer Art Rüstung wäre er geworden. Einem hohen Kragen, der das einsame Ego vor Verletzungen schützt. Dieser Wunsch nach Sicherheit ist verständlich. Und doch, den Schal wenigstens hin und wieder abzulegen, könnte eine herrliche und rettende Erfahrung sein. Man wäre schmaler, nahbarer, mutiger vielleicht. Gewiss, es wäre ein Risiko, das Leben ohne Schal.

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