Politik : Wieder ein Dach über dem Kopf

2500 Menschen in Sri Lanka haben nach dem Tsunami ein neues Zuhause. Auch im Landesinnern sind Hilfsprojekte geplant

Annette Kögel

Die Schuhe stehen ordentlich vor der Haustür, an der Wand lehnt ein Besen. Der Sandboden am Eingang ist sauber gefegt. Es ist wieder ein wenig Normalität in den Alltag zurückgekehrt in Mullaitivu im Nordosten Sri Lankas. Gut drei Monate nach der Flutkatastrophe haben hunderte Familien eine neues Zuhause gefunden. Wer die Katastrophenhilfe organisiert, steht auf einem Aufdruck an der Tür: die Deutsche Welthungerhilfe und ihre Partnerorganisation Sewalanka. Möglich wurde ein großer Teil des Wiederaufbaus durch das Engagement der Tagesspiegel-Leser. Sie haben für die Fluthilfe unserer Aktion „Menschen helfen!“ gut 545 000 Euro gespendet.

Gerade erst haben Entwicklungshilfeorganisationen in Deutschland vor der Korruption in den vom Tsunami betroffenen Ländern gewarnt. Davor, dass die Spendengelder im Regierungsapparat versickern, von Mitarbeitern missbraucht werden. Der Tagesspiegel weiß um diese Gefahr und hat sich für seine Aktion „Ein Dach über dem Kopf“ deshalb zwei Hilfswerke ausgewählt, die seit Jahrzehnten regierungsunabhängig an der Basis arbeiten: die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) in Bonn und ihre Partnerorganisation Sewalanka in Sri Lanka. „Wir freuen uns sehr darüber, dass die Leser Ihrer Zeitung im fernen Deutschland so viel für uns gespendet haben“, sagt Harsha Kumara Navaratne, Vorsitzender von Sewalanka. In der ersten Hilfsphase hat der Spendenverein des Tagesspiegels 250 000 Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt. Das Geld kommt zur Hälfte den von der Flut betroffenen Familien in der Region Mullaitivu im Tamilengebiet im Nordosten der Insel zugute. Mit der anderen Hälfte wurden Häuser im Distrikt Trincomalee gebaut. 2500 Tsunami-Opfer haben die Tagesspiegel-Leser auf diese Weise unterstützt.

„Wir stellen den Leuten aber nicht einfach ein neues Haus hin“, sagt Gunther Schramm, Task-Force-Mitarbeiter der Welthungerhilfe. Er war nach der Flut einer der ersten Nothilfekoordinatoren, hat die Hilfsmaßnahmen mit Vertretern der Regierung und der lokalen Behörden festgezurrt. Die DWHH setzt auf Hilfe zur Selbsthilfe. Deshalb haben die Menschen beim Wiederaufbau mit angepackt: In Mullaitivu ziehen Einheimische Hausmauern hoch, stecken Geflechte aus Palmenblättern zusammen. 370 Euro kostet so ein neues Zuhause in Mullaitivu, 600 Euro eines in Trincomalee. In jeder Hütte leben rund fünf Menschen: Witwen, Witwer, Waisen, verbliebene Angehörige.

Insgesamt 307 neue Häuser aus Stein mit Palmwedeldächern konnten in Mullaitivu errichtet werden, 210 Häuser mit Rohrgestängen und Wellblechdächern in Trincomalee. Bei Größe und Material folgte Sewalanka den Standards und Vorgaben der Behören. Damit es bei der Verteilung gerecht zugeht, binden die Hilfsorganisationen auch hier Einheimische mit ein: Jugendliche bewachen Werkzeuge gegen ein kleines Honorar. Frauen aus dem Dorf gucken den Verwaltungskräften bei der Registrierung der Familien über die Schulter – ihnen fällt auf, falls sich jemand womöglich zweimal eintragen will. „Da gibt es eine soziale Kontrolle untereinander“, sagt Gunther Schramm. Die Grundstücke wurden von der Regierung bereitgestellt. Doch die Landfrage sei in der ganzen Region noch nicht abschließend geklärt. Deshalb sind die Häuser so konstruiert, dass sie ab- und woanders wieder aufgebaut werden können. „Wir mussten einfach anfangen. Die Zustände in den Massenunterkünften sind auf Dauer unerträglich“, sagt Harsha Kumara Navaratne von Sewalanka. Eines ist indes klar: Die neuen Dörfer in der dicht besiedelten Region liegen keinesfalls dichter als 100 Meter am Meer. Denn in dieser Schutzzone sollen Privatpersonen nach der Flut nicht mehr siedeln, das plant die Regierung Sri Lankas. Viele Einheimische kritisieren nun, dass Hoteliers ihre Anlagen sehr wohl am Strand mit Meerblick errichten können.

Doch etwas anderes macht den Hilfsexperten mehr Sorgen. Die Situation der Ärmsten der Armen im Hinterland. Viele gucken nun neidisch auf die entstehende „Goldküste“ mit den vergleichsweise luxuriösen Neubauten. Deswegen wird der Tagesspiegel beim weiteren Wiederaufbau auch Infrastukturmaßnahmen in Nachbardörfern unterstützen. Für Verwandte und Handelspartner der Fischer Sri Lankas. Auch für sie soll es bald neue Schulen geben, Kulturzentren, Kindertagesstätten.

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