Politik : Wieder eine neue Zeit

Lettland hat die Sowjet-Erblast noch nicht ganz verarbeitet, der EU-Beitritt könnte auch das erleichtern

Von außen macht es nicht viel her. Ein Plattenbau in einem Außenbezirk der lettischen Hauptstadt Riga. Kein Schild, nichts was auf ein erfolgreiches lettisches Unternehmen schließen ließe. Der Plattenbau beherbergte früher einmal, als Lettland noch zur Sowjetunion gehörte, die Wissenschaftsakademie. Heute ist aus dem unansehnlichen Komplex ein Technologiezentrum geworden, ein Zentrum für kleine aufstrebende lettische Firmen.

Auch Ivan Mironov ist hier mit seinem Medizintechnik-Unternehmen Elmi untergekommen. Mit seinen 30 Mitarbeitern produziert er Mixer und Zentrifugen für Labore. Mit Erfolg: „Wir exportieren mittlerweile in die ganze Welt“.

Stolz und Erleichterung sind in der Stimme des 50-Jährigen zu hören. Einfach sei es nämlich nicht gewesen, erzählt der Ingenieur. Nach der Unabhängigkeit Lettlands musste die kleine Republik mit Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise umgehen. Doch die damalige Hoffnungslosigkeit ist einem Zukunftsglauben gewichen. In der Hansestadt wird dieser Tage überall noch letzte Hand angelegt: Restauriert und runderneuert sollen die neuen Zeiten eingeleitet werden.

Doch die Erblasten der langen sowjetischen Okkupation sind nicht nur mit Mörtel und Pinsel zu bewältigen. „Spasiba“, sagt Olga, eine junge Kellnerin in einem der vielen Restaurants in der Altstadt von Riga und macht keinen Hehl aus ihrer Herkunft. „Meine Eltern sind Russen, ich habe mittlerweile die lettische Staatsangehörigkeit“, sagt die 28-Jährige. Doch trotz lettischem Pass spricht sie zumeist russisch – so wie die meisten ihrer Freunde. Ein knappes Drittel der 2,4 Millionen Einwohner der ehemaligen Sowjetrepublik sind russischsprachig, in Riga ist es fast die Hälfte. 13 Jahre nach der Unabhängigkeit verläuft immer noch eine scharfe, unüberhörbare Grenze zwischen Russen und Letten in der baltischen Republik.

Vor der Saeima, dem lettischen Parlament, wird seit Wochen demonstriert. Gegen die Bildungsreform der alten Regierung, die von der russischsprachigen Bevölkerung Schulunterricht in der Landessprache verlangt. Viele Russen widersetzen sich dem, obwohl ihnen dadurch später bei der Berufswahl erhebliche Nachteile entstehen: Für Angestellte im öffentlichen Dienst sind gute Lettischkenntnisse ein Muss. Europas erster grüner Regierungschef, Indulis Emsis, will die von der Vorgängerregierung auf den Weg gebrachte Bildungsreform trotz aller Proteste umsetzen, hofft aber, dass sich der Sprachen- und Nationalitätenkonflikt von allein lösen wird. Tatsächlich haben immer mehr Russen in den vergangenen Monaten die lettische Staatsbürgerschaft beantragt – wohl auch, weil nach dem EU-Beitritt ein unbürokratischer Weg nach Westeuropa geöffnet wird.

Kellnerin Olga hat die bisherigen Möglichkeiten bereits genutzt, war in Frankreich, auf Zypern und in Deutschland. Jetzt träumt sie von den USA, aber „das Geld reicht nicht“. Das Brutto-Durchschnittsgehalt liegt bei etwa 180 Lats, rund 277 Euro. Das ist zwar deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren, doch auch die Preise sind kräftig in die Höhe geschnellt. Deshalb ist es heute zumindest in der Hauptstadt nicht unüblich, dass man zwei Jobs hat.

Auf dem Lande schlagen die Uhren sowieso in einem anderen Takt. Das Land mit seinen 2,4 Millionen Einwohnern war in Zeiten der Planwirtschaft eine der sowjetischen Kornkammern. Noch heute zeugen kilometerlange Acker- und Weideflächen von dieser Zeit. Nur kurz hinter Riga beginnt die offene Landschaft, Schlösser, Ackerbau mit Pferd und Wagen, Viehzucht – kleine Höfe, an denen die sowjetische Zeit nicht spurlos vorüberging. Heute liefern sie ihren Besitzern kaum das Nötigste, und die Angst, die EU-Mitgliedschaft könne das Leben durch Bürokratie, Quoten und ausländische Konkurrenz noch schwieriger machen, ist verbreitet.

Solche Sorgen haben die meisten Menschen in Jurmala nicht. Der mondäne Badeort an der Ostsee lockt am Wochenende die Hauptstädter mit Stränden, Restaurants, kleinen Cafés und Discos, bei denen offensichtlich die Kürze der Röcke über die Einlasschancen entscheidet. Zu Sowjetzeiten war Jurmala ein beliebter Kurort für diejenigen, die sich ums Vaterland besonders verdient gemacht hatten. Alarmanlagen und Überwachungskameras an den Eingängen der feudalen Holzvillen zeugen davon, dass sich heute das Geld Rigas hier niedergelassen hat.

Für Elmi-Chef Mironov liegt Jurmala noch weit entfernt. Seine Firma ist trotz vieler Erfolge noch in der Aufbauphase. Er freut sich auf den 1. Mai. Der lettische EU-Beitritt hat notwendige Reformen im eigenen Land forciert. Privatisierungen, Strukturreformen und vor allem der Abbau von Handelshindernissen. Mittlerweile platzt Mironovs Unternehmen aus allen Nähten, er will demnächst das anonyme Technologiezentrum verlassen und in der Nähe eine eigene Fertigungsstätte errichten. Der Manager schaut optimistisch in die Zukunft: „Wir haben die Perestroika und die Rubelkrise überlebt, wir werden also auch die EU meistern.“

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