Politik : Wieder einen Tag gewonnen - Schäubles Kehraus (Leitartikel)

Stephan-Andreas Casdorff

Der Tag des Wolfgang Schäuble: Nach Wochen des zunehmenden Drucks, nach Stunden, in denen sich die Lage Minute für Minute änderte, auch seine Lage, war er gezwungen, seiner Partei Vertrauen abzufordern. Bis zehn Uhr morgens wollte er zurücktreten. Sein Verhalten zeigt den enormen Zwang, sich zu befreien - wenigstens noch einmal für Stunden, wenn möglich für Wochen -, weil er zu Ende bringen will, was er sich vorgenommen hat: die Aufklärung der Staatsaffäre voranzutreiben und die Befreiung der CDU von Helmut Kohl. Schäuble muss die Übergabe der Partei und seine Nachfolge organisieren. Er, der zu anderen Zeiten Kanzler hätte werden können, betreibt den Kehraus einer Ära - und wird am Ende wohl selbst von den Ereignissen weggefegt.

Die Aufklärung und die Befreiung und der eigene Machterhalt, dies alles zusammengenommen gehört zum strategische Ziel des Partei- und Fraktionsvorsitzenden der Union. Und Schäuble hätte es, vielleicht, auch erreichen können, wenn da nicht diese vielen Verstrickungen wären. Zuviele. Zum einen die Verstrickungen innerhalb der CDU, die bald jeden Tag durch neue Offenbarungen größeres Entsetzen hervorrufen. Dann aber auch Schäubles eigene Verstrickung, zu der er sich selber viel zu spät bekannt hat. Sie kann sogar noch größer sein als angenommen, wenn die düsteren Hinweise des düsteren Waffenhändlers Karlheinz Schreiber stimmen sollten, dass Schäuble lüge. Schreiber, der - was perfide ist - inzwischen zum Herrn des Verfahrens wird.

Der Schlamassel ist bereits jetzt so groß, dass die CDU ohne Katharsis nicht mehr überleben kann. Das Schicksal der italienischen Christdemokraten, die sich zum Schluss nur noch selbst auflösen konnten - es droht den deutschen Christdemokraten immer noch. Inzwischen reden sie selbst darüber, und wegen dieser Einsicht ist der Machtkampf zwischen den verbliebenen Anhängern Helmut Kohls und denen, die vorerst Wolfgang Schäubles Generallinie folgen, in der Führung so klar entschieden.

Katharsis, das bedeutet zuallererst die Befreiung von Kohl, genauer: die Auflösung seines Systems. Der Anfang ist gemacht, der Entschluss, dem vormaligen Vorsitzenden die Parteiehren zu nehmen, und Kohls Reaktion zeugen davon. Schäuble ist nicht mehr der Stärkste, aber innerparteilich stark genug für die Auseinandersetzung mit Kohl. Er ist gestern dafür ausdrücklich, mit überwältigender Mehrheit legitimiert worden.

Dieser Tag hat Schäuble aber auch gezeigt, dass sich die Auseinandersetzung schwer nur auf Kohl begrenzen lässt. Wer in dessen "System" groß geworden ist, der wird die Konsequenzen tragen müssen. Alle werden es. Das Verlangen nach Sühne wird auch in der Partei noch zunehmen, der Wunsch nach Gerechtigkeit wächst überall - und der geht über Kohl hinaus. Die CDU wird sich nur dann nicht spalten, wenn dem Mann, dem sie neben ihren schlimmsten auch ihre besten Zeiten verdankt, nicht allein alle Schuld gegeben wird. Wer gegen ihn nicht aufbegehrt hat, als er hätte aufbegehren können, hat sich auch schuldig gemacht. Bis zum gestrigen Tag ist Wolfgang Schäuble nie gegen Helmut Kohl angetreten. Das belastet ihn womöglich mehr als jede Barspende. Es wird daher einen klaren Schnitt geben müssen, die Trennung von der Vergangenheit; einer Vergangenheit, zu der auch Schäuble gezählt werden kann.

Was die Zukunft der CDU bringt, wer sie dann führt? Die Zukunft ist für diese Partei, wie für den amtierenden Vorsitzenden, gegenwärtig in Stunden zu messen. Wieder hat Wolfgang Schäuble einen Tag überstanden. Bis morgen.

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