Politik : Wieder fällt ein Vertrauter von Milosevic einem Attentat zum Opfer

Stephan Israel

Pavle Bulatovic saß am Montagabend wie so oft im populären Restaurant des Belgrader Fußballclubs Rad. Und wie meistens hatte Jugoslawiens Verteidigungsminister während der Mahlzeit seine Leibwächter weggeschickt. Um 18 Uhr 55 eröffnete ein Unbekannter durch das Fenster mit einer automatischen Waffe das Feuer. Bulatovic starb knapp eineinhalb Stunden später im Militärkrankenhaus an seinen schweren Verletzungen.

Der Verteidigungsminister saß mit dem Manager des Restaurants sowie mit Vuk Obradovic, dem Direktor der "YU Garant Bank", am Tisch. Die beiden Männer kamen mit leichteren Verletzungen davon. Die "Garant Bank" ist das Finanzinstitut, über das Jugoslawiens Bundesarmee den größten Teil ihrer Transaktionen abwickelt. Wenige Wochen nach der mysteriösen Ermordung des Milizenführers und Geschäftsmanns Arkan steht Belgrad erneut im Bann eines Anschlags auf ein Mitglied der Nomenklatura.

Pavle Bulatovic ist nur das letzte Opfer in einer Reihe von einem Dutzend unaufgeklärten Anschlägen im Machtkreis von Präsident Slobodan Milosevic. Einmal trifft es einen illustren Geschäftsmann und Kriegsprofiteur, dann einen stellvertretenden Innenminister oder einen prominenten Herausgeber, der auf Distanz zur Milosevic-Familie gegangen war. Die Attentäter kennen ihre Opfer und deren Zeitplan gut, lauern ihnen auf der Straße oder im Restaurant auf, schießen und verschwinden für immer in der Dunkelheit.

Einzig im Fall des ermordeten Milizenführers Arkan behaupteten die Belgrader Behörden schnell, die Attentäter hinter Gitter zu haben. Doch seit der Festnahme der Männer, alles ehemalige Polizisten, herrscht weiter Funkstille, was die Motive anbelangt. Jugoslawiens Informationsminister Goran Matic beschuldigte zwar zuerst die "montenegrinische Mafia" für den Mord an Arkan. Später zog er aber seine Aussage wieder zurück. Arkan verfügte angeblich über intakte Geschäftsbeziehungen mit der westlichorientierten Führung von Montenegros Präsident Milo Djukanovic. Im lukrativen Geschäft mit Öl könnte der ehemalige Milizenführer einem anderen gewichtigen Mitspieler auf dem Markt, dem Präsidentensohn Marko Milosevic, in die Quere gekommen sein.

Verschwörungstheorien und Spekulationen haben auch jetzt wieder Hochkonjunktur. Miodrag Popovic, Serbiens stellvertretender Informationsminister, sprach am Dienstag von einem "terroristischen Anschlag". Hinter dem Attentat, ließ der Minister verstehen, könnte die Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK) stecken. In Belgrad genießt die offizielle These allerdings wenig Glaubwürdigkeit. Schon eher glauben Beobachter an Abrechnungen im inneren Machtbereich von Slobodan Milosevic.

Die Nachricht vom Anschlag hat vor allem in Montenegro beachtliche Nervosität ausgelöst. Pavle Bulatovic stammt aus Serbiens kleiner Schwesterrepublik. Gemeinsam mit Namensvetter Momir Bulatovic, dem amtierenden jugoslawischen Premierminister, gehört er zur loyalen Milosevic-Fraktion, welche einen Austritt Montenegros aus dem jugoslawischen Bundesstaat ablehnt. Die Regierung in Podgorica hat die beiden Bulatovic beschuldigt, im Auftrag von Milosevic in Montenegro paramilitärische Einheiten aufzubauen und den Sturz der Reformer um Milo Djukanovic vorzubereiten. Der mysteriöse Mord an Pavle Bulatovic dürfte die Spannungen zwischen Sezessionisten und Milosevic-loyalen Kräften in Montenegro weiter verschärfen. Der Anschlag könnte Belgrad zudem als Vorwand für eine härtere Gangart gegenüber der abtrünnigen Schwesterrepublik an der Adria dienen, wird in Podgorica befürchtet.

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