Politik : wieder hoffen

NICHT NUR ZUR OSTERZEITLasst uns

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Von StephanAndreas Casdorff

Da ist er, der Papst. So begegnet er uns wieder: Gebeugt ist der Körper, aber ungebrochen sein Geist, er kämpft mit den Worten, aber seine Aussagen sind klar. Jeder Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit, Arbeitslosigkeit ist eine Geißel der Menschheit – Gedanken wie Kristalle. Der Papst als Wortführer einer riesigen Friedensbewegung und als soziales Gewissen in einer unübersichtlichen Welt. Ökumene in einer Person.

Ja, einer, an den man sich halten und der das Ungerechte richten kann – schön wär’s. Aber was hat uns überhaupt Kirche, gleich welche, noch zu sagen? Diese Frage besteht fort, zumal in diesen Zeiten, in denen nicht nur Kriege geführt werden, sondern täglich von „Globalisierung“ geraunt wird und ihren nationalen Folgekosten. Es ist eine Zeit, in der hier bei uns, im wohlhabenden Deutschland, Europas Nummer eins, mit dem Wort „Reform“ bloß noch blanke Geldeintreiberei verbunden wird. So weit ist es schon, dass der Bundestagspräsident verlacht wird wegen seiner Mahnung, es mit den Weltuntergangs- und Katastrophenszenarien nicht zu übertreiben.

Die Antwort lautet: Da kommt uns einer wie der Papst gerade Recht. Und da kommt die Botschaft, die in seiner Person zu finden ist, zur rechten Zeit. Gerade zu Ostern. Wir sehen den Leidensweg und die menschlichen Abgründe, sehen Neid, Hass, Stolz, Verrat, Untreue. Wir tun es jeden Tag. Denn wir sehen ja schließlich die Bilder aus dem Irak. Aber wir sehen auch vieltausendfach und eben bei diesem einen die Annahme des Leids. Es wird nicht verdrängt, sondern als Teil des Menschenlebens ertragen, im wahren Wortsinn selbstbewusst. Das lebt der Papst vor: Leid muss nicht die letzte Antwort auf die menschliche Existenz sein. Es muss nicht in die Depression führen – hinter dem Leid ist die Zuversicht. Seine Botschaft, die aus sich selbst heraus, richtet sich gegen Fatalismus, gegen dieses „Es muss kommen, wie es kommt“, und stattdessen auf dessen Überwindung und Hoffnung.

Politisch gewendet kann uns Kirche, gleich welche, den inneren Kompass neu justieren. Wenigstens das. Sind unsere eigenen Leiderfahrungen so niederschmetternd, dass wir sie nicht überwinden können? Ist unsere Gesellschaft zur alle aufrüttelnden Selbsterkenntnis und zum Aufbruch nicht fähig? Diese Fragen müssen wir uns vorlegen, dringend. An Ostern, weil es schlicht so ist: Die Hoffnungsbotschaft, die gegen Missmut, Misstrauen und Mutlosigkeit, betrifft doch alle. Dieser Tag gilt als Signal auch für die Gemeinschaften und Gesellschaften.

Der amerikanische Sozialphilosoph Michael Walzer schreibt in seinem Buch zum Exodus, dass er einiges für den Sinn von Politik lehrt. Da gilt, dass der Weg zum besseren Ort, zum gelobten Land durch die Wüste führt und „wir von hieraus nur dorthin gelangen, wenn wir uns zusammenschließen und marschieren“. Auf denn, zum Mutmachen: Johan Galtung, der als Begründer der Friedens- und Zukunftsforschung gilt, hält uns Deutschen vor, wir hätten nur vergessen, welchen Reichtum dieses Land bietet. Der Norweger sieht uns als hervorragende Universalisten, dazu „fantastisch solidarisch mit den Armen der Welt“. Eine Gesellschaft ist für ihn dann in Ordnung, wenn es am unteren Rand „noch einigermaßen stimmt – und das ist in Deutschland der Fall“. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hält uns vor, wir sähen nicht mehr, wie „hoch produktiv“ unsere Wirtschaft ist und wie „hoch leistungsfähig“ die Bevölkerung. Experten erklären, dass eine bedürfnisorientierte lokale Wirtschaft überlebensfähig in der internationalen Konjunktur ist. Und nicht mehr nur Politik-Professoren sagen, dass sich Demokratie nicht nur auf Parteien-Demokratie beschränken darf.

An diesem Tag klingt das alles einmal nicht naiv, sondern: wahr. Wahren wir also die Relationen: Aufbruch ist möglich. Hoffnung auch. Schauen wir uns nicht nur den Papst an.

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