Politik : Wieder im Krieg

Offiziell hat der Waffenstillstand auf Sri Lanka noch Bestand – aber in der Realität wird gekämpft

Christine Möllhoff[Neu Delhi]

In Sri Lanka wächst die Furcht, dass nach schweren Anschlägen und Seegefechten zwischen Marine und Tamilen-Rebellen die Hauptstadt Colombo und zivile Einrichtungen zur Zielscheibe von Attentaten werden könnten. Erst am Samstagmorgen nahmen Polizisten drei Männer in Taucheranzügen fest, die zehn Kilometer vom Internationalen Flughafen entfernt an Land schwammen. Anwohner berichteten außerdem nach Meldungen der Agentur Reuters von einer gewaltigen Explosion, zwei der Männer sollen versucht haben, sich mit Zyanid-Kapseln zu töten, wie sie die Rebellen der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) meist bei sich tragen. Ein Suizid-Anschlag der LTTE am Flughafen von Colombo hatte 2001 viele Flugzeuge zerstört und den Tourismus fast zum Erliegen gebracht.

Samstagnacht hatte die Luftwaffe das LTTE-Hauptquartier Kilinochi im Norden der Insel bombardiert. Vor der Nordwest-Küste lieferten sich beide Seiten Seegefechte, dabei wurden nach Militärangaben acht LTTE-Boote versenkt und 30 Rebellen getötet. Bis zu 15 Soldaten und sechs Zivilisten seien ebenfalls ums Leben gekommen. Viele Menschen flüchteten aus den Konfliktgebieten. „Es sieht so aus, als sei die Regierung bereit für einen Krieg“, sagte ein LTTE-Vertreter der Agentur Reuters.

Am Donnerstag waren beim schwersten Anschlag seit Beginn des Waffenstillstandes vor vier Jahren im Distrikt Anuradhapura 64 Menschen, darunter 15 Kinder, in einem Bus getötet worden, als zwei Landminen am Straßenrand zündeten. Auch wenn die LTTE jede Verantwortung bestreitet, deutet viel auf sie hin. Fast alle Opfer sind Singhalesen, der Bezirk grenzt an Rebellengebiet. Sicher ist: Wer immer hinter der Tat steckt, will Hass zwischen der singhalesischen Mehrheit und den Tamilen säen, und die Insel weiter in den Bürgerkrieg treiben. So sagte ein Regierungssprecher am Donnerstag, man müsse das Waffenstillstandsabkommen „ernsthaft prüfen“.

Auch wenn keine Seite den Waffenstillstand offiziell aufgekündigt hat, ist er de facto in Krieg umgeschlagen. Seit Jahresbeginn wurden mehr als 700 Menschen getötet, darunter viele Zivilisten. Vor allem die LTTE, die sich 2003 aus den Friedensgesprächen zurückgezogen hat, provoziert mit Anschlägen eine Verschärfung des Konflikts. Auch das Militär geht mit wachsender Härte vor, sogar Morde an Zivilisten werden ihm angelastet. Doch vor allem die Rebellen haben alle Versuche, den Friedensprozess wiederzubeleben, boykottiert. Zwar trafen sich beide Seiten im Februar in Genf zu Gesprächen, doch das nächste Treffen ließen die Rebellen platzen. Anfang Juni reisten sie zu einem Krisentreffen nach Oslo, weigerten sich aber, mit Vertretern von Sri Lankas Regierung zu sprechen. Und sie wollen nicht mehr in Anwesenheit von Vertretern der EU diskutieren, weil diese sie im Mai als Terrorgruppe gebrandmarkt hat. Frustriert fragte Oslo nach dem Fiasko, ob sich die Konfliktparteien noch zum Waffenstillstand bekennen. Während die Regierung – vor dem Busanschlag – bejahte, blieb die LTTE eine Antwort schuldig.

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