Politik : Wieder mal eine Weltrevolution

Die Dschihadisten wollen ihre eigene Art von Globalisierung Von Bassam Tibi

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Voriges Jahr stand der dritte Jahrestag des 11. September im Schatten der Madrider Anschläge . Der jetzige vierte Jahrestag steht im Schatten der Anschläge in London. Waren „9/11“ sowie die folgenden Anschläge Verzweiflungsakte des untergehenden Islamismus, wie der französische IslamExperte Gilles Kepel behauptet? Sind diese Anschläge wirklich die Anti-Globalisierung, die sich viele Linke in Deutschland in einer Göttinger Tradition „klammheimlich“ wünschen? Was wollen die Dschihadisten?

Meine These lautet: Der Dschihad-Terror ist eine strukturelle Erscheinung. Und sie geht auch und vor allem Europa an und ist nicht nur gegen die USA und die falsche Politik in Israel gerichtet. Es gibt einerseits Europäer, die die Schuld allein bei den Muslimen suchen und den Islam als Kriegsreligion dämonisieren. Andererseits gibt es Ideologen, die den Westen für alle Übel auf der Welt verantwortlich machen. Zwar stimmt es, dass die Fernsehbilder aus Palästina die in Europa lebenden Muslime erregen und sie zur leichten Beute für dschihadistische Rattenfänger werden lassen. Aber weder der Nahostkonflikt, andere tagespolitische Ereignisse noch die US-dominierte Globalisierung sind die tatsächliche Ursache für den Dschihad-Islamismus. Das Phänomen basiert auf einer religiös-politischen Weltanschauung, und ist zudem viel älter als die genannten Konflikte.

Es handelt sich um eine totalitäre Bewegung, die lange vor der Gründung Israels und dem Beginn des US-Engagements im Nahen Osten entstanden ist. 1928 wurde in Kairo die Muslim-Bruderschaft gegründet und damit die Idee einer islamischen Weltrevolution geboren, die als neue Deutung des Dschihad gilt. Der heutige Dschihad-Terrorismus hat hier seine historischen Wurzeln. Jene Intellektuellen in Europa, die vom Dschihad als Anti-Globalisierung sprechen, beweisen damit nur, wie ignorant sie in Bezug auf den Islamismus und seine Botschaft einer Weltrevolution sind. Wer islamistische Schriften liest, der weiß, was das übergeordnete Ziel des Dschihad-Islamismus ist. Er richtet sich in erster Linie nicht nur gegen die Globalisierung ; es geht um die Errichtung einer islamischen Ordnung, nicht nur in der Welt des Islam, sondern weltweit.

Als islamischem Migranten liegt es mir fern, die vielen Fehler Europas – vor allem die Ausgrenzung der muslimischen Jugendlichen, die dadurch dschihadanfällig werden – zu übersehen. Meine Lebensgeschichte in Deutschland ist hinlänglich durch Diskriminierung geprägt, und ich trete für nichts weniger als unsere Gleichstellung ein. Was wir Muslime trotz allem benötigen, ist eine Eingliederung der Welt des Islam in einen demokratischen Weltfrieden unter den Bedingungen eines religiösen und kulturellen Pluralismus. Wenn wir unsere Gleichstellung verlangen, müssen wir zulassen, dass auch Forderungen an uns gestellt werden. Dazu gehört vor allem, dass demokratische Muslime sich nicht nur darauf beschränken, die Fehler der westlichen Außenpolitik und die Unfähigkeit Europas, uns zu integrieren, anzuprangern. Muslime sollten sich sowohl in der Welt des Islam als auch in Europa überzeugend gegen den Dschihad-Islamismus als dem neuen Totalitarismus engagieren. Auch Muslime stehen in der Pflicht, dass „9/11“ nicht zum Graben zwischen dem Westen und dem Islam wird.

Europäer müssen verstehen, dass „9/11“ keine US-Angelegenheit ist. Europa ist zutiefst mitbetroffen, besonders durch seine 18 Millionen Menschen umfassende Islam-Diaspora.

Der Autor lehrt Internationale Beziehungen in Göttingen.

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