Politik : Wieder schlägt die Naturgewalt zu

Eineinhalb Jahre nach dem Tsunami wird Indonesien erneut von einer Katastrophe heimgesucht

Frank Brandmaier (dpa)

Yogyakarta/Singapur - Nie wird Imam Purwadi diesen Tag des Horrors und der Zerstörung aus seinem Gedächtnis streichen können. „Ich bin sofort nach dem Beben aus dem Haus gerannt, und um mich herum waren so viele Häuser kaputt oder zusammengestürzt“, sagt der 53-Jährige aus Yogyakarta. „Das war das gewaltigste Erdbeben meines Lebens.“ Doch das erste wird es wohl auch nicht gewesen sein. Erst kürzlich spuckte der nahe Vulkan Merapi bedrohlich Asche und Lava, jetzt reißt ein Erdstoß tausende Menschen in den Tod: Die Natur hat die Menschen auf Java, aber auch in anderen Teilen Indonesiens, keine eineinhalb Jahre nach der Tsunami-Katastrophe einmal mehr brutal daran erinnert, auf welchem Pulverfass sie sitzen.

Von den oft einfachen Holzunterkünften blieb meist nicht mehr als ein Haufen Bretter übrig. Helfer aus der Nachbarschaft suchen im Gewirr mit bloßen Händen nach Überlebenden. Wo Steinhäuser ineinanderkrachten und ihre Einzelteile über die Straße streuten, liegt nicht selten ein Blechknäuel, das einmal ein Auto war.

Auch der Britin Bella Galt steckt der Schock noch Stunden nach dem Erdstoß in den Knochen. „Ich hatte während des Bebens solche Angst“, schreibt sie aus Magelang nahe Yogyakarta in einer E-Mail an besorgte Freunde in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. „Ich war in meinem Zimmer, und plötzlich begann das ganze Gebäude zu schaukeln wie ein Boot in stürmischer See.“ Wer dort lebt, zweifelt zunächst nicht, dass die Opferzahl des ersten Tages nicht die letzte sein würde. „So viele Häuser sind zusammengebrochen, und so viele Menschen sind lebendig begraben“, sagt ein Bewohner kopfschüttelnd.

Die schrecklichen Bilder des Tsunami-Desasters waren vielleicht gerade verblasst, da trifft die rohe Gewalt der Natur abermals das Riesenreich der 18 000 Inseln – und macht ihm seine Verwundbarkeit abermals deutlich. Die Lage des Landes am so genannten Ring aus Feuer – jener seismisch höchst aktiven Zone, die sich rund um den Pazifik zieht – ist eine Zeitbombe. Und aus eigener Kraft kann Indonesien Katastrophen dieses Ausmaßes kaum bewältigen.

Weil Krankenwagen fehlen, werden Verletzte mit allem, was irgendwie fahren kann, in die völlig überfüllten Kliniken gebracht – sogar mit Pferdekarren. Manchmal dauert es lange, bis geborgene Leichen am Straßenrand abtransportiert werden können. „Wir versuchen, die Überlebenden selbst herauszubringen, wir können nicht auf andere warten“, sagte Agus Susanto, Bewohner des besonders schwer getroffenen Bezirks Bantul dem Online-Nachrichtendienst detik.com.

Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes stürzte in Yogyakarta ein Krankenhaus ein, manche Stadtteile seien bis zu 80 Prozent zerstört. Zunächst war offen, wie das durch den Tsunami ohnehin schon schwer gebeutelte Land mit der neuerlichen Katastrophe fertig werden wird.

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