Politik : Wiedergutmachung an Israel: Eine Herzensangelegenheit

Martin Gehlen

Die Hypothek war unermesslich. Sechs Millionen Juden haben die Deutschen ermordet - ein Drittel des ganzen Volkes Israel. Am 27. September 1951, vor 50 Jahren, trat Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) vor den Deutschen Bundestag in Bonn: "Im Namen des deutschen Volkes sind unsagbare Verbrechen begangen worden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten", sagte er. Die Abgeordneten quittierten seine Worte mit stehendem Beifall. Damit übernahm die noch junge Bundesrepublik die Verantwortung für den Völkermord an den Juden und ebnete sich gleichzeitig den Weg zurück in die internationale Gemeinschaft.

Die historischen Worte Adenauers markierten den Auftakt für die vielfältigen und spannungsreichen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik. Die DDR hingegen blieb abseits. Sie fühlte sich nicht mitverantwortlich und nahm erst kurz vor ihrem Ende diplomatische Beziehungen zu Israel auf.

Für Adenauer war die Entschädigung eine Herzensangelegenheit. Schon als Kölner Oberbürgermeister hatte er die orthodoxe Gemeinde der Stadt in ihrer Vielfalt und Andersartigkeit unterstützt und viele Kontakte zu jüdischen Intellektuellen unterhalten. Der in Brüssel lebende jüdische Geschäftsmann Dannie N. Heineman war einer der wenigen Freunde, die Adenauer und seiner Familie nach dessen Absetzung 1933 durch die Nazis finanziell beistanden. Hitlers Antisemitismus war Adenauer schon damals zutiefst zuwider - ein Ausweis von Unkultiviertheit und Primitivität.

Die Zusage des deutschen Regierungschefs, über Wiedergutmachung zu verhandeln, um "den Weg zur seelischen Bereinigung unendlichen Leidens zu erreichen", stieß 1951 in seinem Kabinett auf Widerstand. Vor allem Bundesfinanzminister Schäffer machte dem Kanzler heftigste Vorwürfe, der die israelischen Forderungen von umgerechnet sechs Milliarden Mark als Verhandlungsbasis akzeptiert hatte. Für die deutsche Nachkriegswirtschaft war dies eine ungeheure Summe - mehr als die Hälfte jener 11 Milliarden Mark, die Westdeutschland zwischen April 1948 und Juni 1952 aus dem Marshall-Plan erhalten hatte. Im Jahre 1951 betrug der Bundeshaushalt gut 20 Milliarden Mark, und die deutsche Wirtschaft hatte einen mageren Leistungsbilanz-Überschuss von 186 Millionen Mark erwirtschaftet. Vom deutschen Wirtschaftswunder war in dieser Zeit noch nichts zu sehen. Heute käme eine solche Verhandlungszusage im Verhältnis zum Bundeshaushalt einer Summe von 100 Milliarden Mark gleich - kein Wunder, dass der damalige Finanzminister einem Nervenzusammenbruch nahe war.

Doch Adenauer blieb ungerührt. Für den Bundeskanzler war die Wiedergutmachung eine moralische Pflicht aller Deutschen und eine der großen Aufgaben deutscher Nachkriegspolitik. Bei den Verhandlungen wies er zwar auf die finanziellen Grenzen des kriegsgeschädigten Deutschland hin, ließ sich aber nie in ein kleinliches Gefeilsche um Geld ein. Am Ende einigten sich Adenauer und die jüdische Seite - unter Beteiligung der "Jewish Claims Conference" - im Israel-Abkommen vom 10. September 1952 auf Warenleistungen im Wert von 3,45 Milliarden Mark.

Mitte der fünfziger Jahre folgten dem Israel-Abkommen weitere Gesetze zur individuellen Entschädigung von Opfern nationalsozialistischer Verfolgung. Bis Ende 2000 zahlte Deutschland insgesamt rund 114 Milliarden Mark an Wiedergutmachung, drei Viertel davon an jüdische Opfer. Zahllose Kontakte zwischen Israelis und Deutschen sind in den zurückliegenden 50 Jahren entstanden. Heute zählt Israel Deutschland neben den USA zu seinen wichtigsten Verbündeten.

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