Politik : Wiedervereinigung: Modell Deutschland (Kommentar)

Harald Maass

Ginge es nach der Regierung in Südkorea, dann hätte Deutschland schon längst eine Art "Handbuch zur Wiedervereinigung" veröffentlichen müssen. In Seoul wäre ein solches Buch in diesen Tagen ein Bestseller. Seit die beiden ehemaligen Todfeinde Nord- und Südkorea vor zwei Monaten ihren Dialog über eine Entspannung auf der Halbinsel begonnen haben, blicken Politiker beider Seiten nach Deutschland. Wie war das damals zwischen West- und Ostdeutschland? Im südkoreanischen Fernsehen laufen Dokumentationen über den Fall der Mauer. Um sich auf die historische Reise im Juni nach Pjöngjang vorzubereiten, hatte Südkoreas Präsident Kim Dae-Jung sich sogar Videobänder vom Treffen Willy Brandts mit Willi Stoph 1970 in Erfurt zeigen lassen.

Die deutsche Wiedervereinigung gilt in Südkorea als vorbildlich. Was Brandt damals als Ostpolitik bezeichnete, nennt Südkoreas Kim Dae-Jung heute "Sonnenscheinpolitik". Bei seinem Amtsantritt 1998 warf der ehemalige Bürgerrechtler die 50 Jahre alte Politik der Konfrontation über den Haufen. Statt das kommunistische Regime weiter zu destabilisieren, schickte Kim Dae-Jung Hilfslieferungen an die hungernde Bevölkerung im Norden. Statt Pjöngjang außenpolitisch zu isolieren, ermunterte Seoul seine Verbündeten, diplomatische Beziehungen mit dem Norden aufzunehmen. Innenpolitisch kam Kim damit zwar unter Druck - seit dem Gipfeltreffen der beiden Staatschefs Mitte Juni in Pjöngjang ist er jedoch strahlender Sieger.

Allein dass sich die beiden Koreas zusammensetzten, ist angesichts der Vorgeschichte eine Sensation. Getreu Brandts Motto "Wandel durch Annäherung" will Seoul nun die humanitären Kontakte zwischen beiden Seiten ausbauen. Vor zwei Wochen durften die ersten 200 Menschen zu Verwandtenbesuchen über die Grenze. Einen ähnlichen, wenn auch kleineren Austausch hatte es bisher nur 1985 gegeben. Damals ließ Nordkoreas Führung das Ganze eher widerwillig über sich ergehen. Diesmal schien aber auch Pjöngjangs Führung Interesse an einer Annäherung zu haben - mit geradezu emotionalen Berichten bejubelten die Staatsmedien die Familientreffen.

Glaubt man den Beteuerungen aus Seoul, dann sollen die Verwandtenkontakte bald regelmäßig stattfinden. Bei der derzeitigen Verhandlungsrunde in Pjöngjang auf Ministerebene, der zweiten seit dem Gipfel, sollen weitere Besuche vereinbart werden. Seit einer Woche räumen Soldaten bereits Minenfelder nahe der Demarkationslinie, damit bald wieder ein Zug zwischen dem Norden und Süden fahren kann, zum ersten Mal seit 1945. Ein heißer Draht zwischen den Militärchefs beider Staaten soll in Zukunft Konflikte vermeiden.

Eine koreanische Wiedervereinigung im Laufschritt nach deutschem Modell? Wohl kaum. Zwar hat Nordkoreas Führung bisher eine Menge guten Willen gezeigt - konkrete Zugeständnisse haben sie außer den Familienbesuchen und der vagen Absicht einer Bahnverbindung bisher nicht gemacht. Trotz vieler freundlicher Worte: Korea Nord und Süd sind formal weiter im Kriegszustand, der Koreakrieg (1950-53) wurde nur durch einen Waffenstillstand unterbrochen. Entlang der Waffenstillstandslinie stehen sich weiter zwei hoch bewaffnete Armeen gegenüber.

Tatsächlich gleicht die Situation Koreas dem früheren Deutschland nur auf den ersten Blick. In Korea war der Kalte Krieg schon immer ein bisschen heißer: Nordkoreanische Agenten verübten Bombenattentate auf Politiker des Südens und sprengten Passagierflugzeuge. Jeder Kontakt zwischen beiden Seiten, ob Briefe, Telefonate oder Besuche, ist bislang verboten. Während die Ostdeutschen früher nur die Fernsehantenne nach Westen drehen mussten, sind die Nordkoreaner praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Fernseher und Radios sind von Werk ab so eingestellt, dass sie nur die Propagandasender des Nordens empfangen können.

Leider haben auch Nordkoreas Führer ihre Lektion aus dem Fall der Berliner Mauer gelernt. Ein Militärregime wie Pjöngjang kann nur mit einem dumm gehaltenen, unterdrückten Volk überleben. Sowohl eine Eisenbahnverbindung als auch regelmäßige Verwandtenbesuche aus dem reichen und freien Süden würden Nordkorea aus seiner Isolation reißen. So weit ist es noch längst nicht. Bis zu einem Frieden wird es in Korea noch etwas dauern.

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