Wiesehügel und Co. : Peer Steinbrück stellt sein Wahlkampfteam vor

In Berlin stellt Peer Steinbrück sein Kompetenzteam vor. Nach dem holprigen Wahlkampfstart könnten Spekulationen um das Steinbrück-Team der SPD doch noch dienen.

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SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück stellt am Montag die ersten drei Mitglieder seines Wahlkampfteams vor. Foto: dpa
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück stellt am Montag die ersten drei Mitglieder seines Wahlkampfteams vor.Foto: dpa

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will mit den ersten drei Mitgliedern seines Kompetenzteams eine Brücke zu den wichtigsten Wählergruppen für die Sozialdemokraten schlagen. "Die SPD als Volkspartei wird, um Wahlen zu gewinnen, ein breites Spektrum an Wählern erreichen müssen", sagte Steinbrück am Montag in Berlin.
Dafür seien drei wesentliche Gruppen entscheidend: die organisierte Arbeitnehmerschaft, ein bürgerlich aufgeklärtes Publikum und intellektuelle Impulsgeber. Für diese Gruppen stünden der Vorsitzende Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, Klaus Wiesehügel, der Parlamentarische Geschäftsführer Thomas Oppermann und die Designforscherin Gesche Jost. Steinbrück stellte die drei Mitglieder seines Wahlkampfteams in der SPD-Zentrale vor.

Insgesamt stehe das Wahlkampfteam weitgehend fest - nur mit Namen hält sich die Partei aber noch zurück. Zu 80 bis 90 Prozent seien die Entscheidungen gefallen, sagte Steinbrück bei der Vorstellung der ersten drei Mitglieder. Zugleich betonte er, dass er eine vorzeitige Bekanntgabe der restlichen Namen vermeiden wolle. Zu Berichten vom Wochenende, nach denen auch Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig und Hamburgs Justizsenatorin Jana Schiedek dem SPD-Team angehören sollen, sagte Steinbrück: „Die Namen, die sie jetzt am Wochenende gelesen haben, müssen nicht richtig sein.“

Zuvor hatte man es noch Panne halten können, dass Peer Steinbrück durch Polen reiste, als daheim die ersten Namen seines „Kompetenzteams“ in der „Bild“-Zeitung auftauchten. Man könnte, wenn man schon das Spekulieren anfängt, genauso gut darüber nachdenken, ob nicht so eine Auslandsreise die perfekte Tarnung bietet für eine ganz gezielte Durchstecherei. Als gesichert festhalten indessen kann man: Wenn es eine Panne war, dann kommt sie dem SPD-Kanzlerkandidaten zupass. Kurzfristig, weil jetzt erst mal keiner mehr von dem Tempolimit-Durcheinander redet, das Parteichef Sigmar Gabriel angerichtet hatte. Und langfristig, weil ein solches Team viel von jener Fokussierung auf das allzu offenkundig ungleiche Duo Steinbrück/Gabriel nehmen könnte, die zum Stolperstart des Wahlkampfs beigetragen hat.

Das wird am deutlichsten in der auf den ersten Blick überraschendsten Berufung. Klaus Wiesehügel ist nicht nur seit zwei Jahrzehnten Chef der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Der gelernte Betonbauer war zu rot-grünen Regierungszeiten von 1998 bis 2002 auch als Abgeordneter im Bundestag – und zwar für die SPD, aber gegen deren Kanzler Gerhard Schröder. Wiesehügel zählte zum harten Kern der Agenda- 2010-Kritiker. Er blieb seiner Linie auch nach dem Ausscheiden aus dem Parlament treu – Franz Münteferings großkoalitionär durchgesetzte Rente mit 67 lehnte kaum eine Gewerkschaft so offensiv ab wie die IG BAU.

Noch was drin. Peer Steinbrück hält sich weitere Berufungen offen. Hier zu sehen: Gesche Joost. Foto: dpa
Noch was drin. Peer Steinbrück hält sich weitere Berufungen offen. Hier zu sehen: Gesche Joost.Foto: dpa

Die Personalie trägt der SPD denn auch bei den politischen Konkurrenten reichlich Häme ein. Dass Steinbrück ein Agenda-Anhänger ist, ist bekannt; er selbst hat sich immer gegen Versuche gewehrt, Schröders Erbe zu entsorgen. CDU-General Hermann Gröhe ätzt über einen „Zickzack-Kurs“, den die Berufung dokumentiere. Unter der Hand freut sich mancher im Regierungslager, dass Wiesehügel für Steinbrück das werden könne, was der „Professor aus Heidelberg“ Paul Kirchhof einst für die Kanzlerkandidatin Angela Merkel war: ein unberechenbarer Überzeugungstäter. Der Vergleich übersieht allerdings etwas: Kirchhofs radikale Finanzthesen boten Rot-Grün auch inhaltlich ideale Angriffsfläche. Wiesehügels Agendaskepsis bietet sie absehbar eher nicht; schließlich ist Merkels CDU längst selbst bemüht, ihre wilde Reformphase vergessen zu machen.

Damit könnte der bärtige Gewerkschafter, wenn er es denn geschickt anstellt, genau die Aufgabe ausfüllen, der die Berufung in dieses Team dienen soll: die Verbreiterung der politischen Bemessungsgrundlage des Kandidaten. Wiesehügel kann ganz andere Positionen beziehen, als das Steinbrück selbst jemals könnte. Beim Kandidaten schaut jeder darauf, ob er sich treu bleibt; ein Kandidat wie der Ex-Finanzminister, der für sich selbst das Label „Klartext“ in Anspruch nimmt, hat da doppelt engen Spielraum. Den Traditionssozi geben kann er jedenfalls so einfach nicht.

Überraschendste Berufung: Klaus Wiesehügel. Foto: dpa
Überraschendste Berufung: Klaus Wiesehügel.Foto: dpa

Wiesehügel hat damit kein Problem. Und weil er zwar für Arbeit und Soziales zuständig sein soll, ein „Kompetenzteam“ aber ausdrücklich kein „Schattenkabinett“ darstellt, könnte er ziemlich viel Beinfreiheit in Anspruch nehmen. Für Steinbrück wird das nur dann zum Problem, wenn sein Kompetenz-Sozialer sich in Gegensatz zu ihm begeben sollte. Wenn nicht, kann Wiesehügel zum Beweis dafür herhalten, dass selbst ein Agenda-Kritiker mit dem Agenda-Freund Steinbrück als Kanzler sehr gut leben könnte.

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