Politik : Wieso wird so ausführlich über den Täter berichtet?

Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

An sich halte ich den Tagesspiegel für eine seriöse Tageszeitung. Journalistisch sauber arbeitend und nicht den Kontakt zu den Lesern scheuend. Anlässlich der aktuellen Berichterstattung der Medien, also auch des Tagesspiegels, zum Massenmord in Norwegen kann ich allerdings einfach nicht mehr schweigen.

Was eigentlich bewegt Medien sich immer „nur“ mit der Person des Täters zu beschäftigen? Warum finden sich in den Medien, wie zum Beispiel auch dem Tagesspiegel, mittlerweile zahlreiche und ausgiebige Artikel über den Täter und seine wahnhaften Ansichten? Und kaum mal eine Beschreibung des unendlichen Leids so vieler betroffener Familien? Ich habe zum Beispiel (wieder mal) Bilder der Opfer vermisst. Und hier sind NICHT Bilder und Videos vom Tatort gemeint. Statt Bildergalerien des posierenden Täters wäre eher eine (Familien-)Bildergalerie der Opfer angemessen gewesen.

Wozu soll ein sehr(!) langer Artikel, wie der von Caroline Fetscher, dienen? Ich wage zu behaupten, eine Beschäftigung mit den Theorien eines Täters, der gerade mit unmenschlicher Kälte 77 Menschen getötet hat, wird niemandem (mehr) helfen. Amokläufer und „Verrückte“ wird es immer geben. Welche wirren Ansichten oder Theorien sie für sich auch immer hegen mögen. Sie sind letztendlich nur für sie selbst plausibel und nachvollziehbar. Für die regelrechte Abschlachtung von so vielen Menschen ist die Historie und das Weltbild des Täters wahrlich irrelevant. Besonders im einem Extremfall wie dem des Massenmörders Breivik muss also die Frage gestattet sein, was eigentlich eine Redaktion mit der Verbreitung seiner Ansichten (des Manifestes genannten Pamphlets) und damit direkten Unterstützung! seiner Absichten bezweckt. Ich finde das einfach nur widerlich.

Ist es, auch vom Tagesspiegel, wirklich zu viel verlangt sich auch mit den Opfern zu beschäftigen, über die Berichterstattung des eigentlichen Geschehens hinaus?

Christian Wurm, Berlin

Sehr geehrter Herr Wurm,

haben Sie vielen Dank für Ihre Leserpost mit Anregungen und Kritik zur Berichterstattung in Fällen wie dem tragischen Geschehen in Oslo. Ihre Empfindungen kann ich sehr gut nachvollziehen – ja, warum sollte man einem solchen Massenmörder so viel Aufmerksamkeit schenken und nicht seinen Opfern?

Dabei gilt es meiner Ansicht nach zweierlei sehr gut zu bedenken: 1. Die Opfer, das heißt Verletzte und Hinterbliebene der Ermordeten, möchten unter solchen Umständen und kurz nach der Tat als Allerletztes, dass Reporter oder auch nur Interviewer vor ihrer Haustür stehen und sich erkundigen, in ihre Privatsphäre eindringen, Fotos mitnehmen etc. Opfer dürfen unter keinen Umständen in der Phase der Trauer von fremden Leuten überrumpelt und gestört werden, es sei denn sie melden sich selber zu Wort. Auch dann gilt noch äußerste Vorsicht, denn viele Menschen unter Schock vertrauen Fremden etwas an, ohne dass sie in diesem Augenblick begreifen, was sie wem sagen. Respekt vor den Opfern ist oberstes Gebot, jedenfalls für mich in der Berichterstattung, Deutung, Kommentierung eines solch ungeheuerlichen Geschehens. Durch Interviews, die ich mit Überlebenden in Krisen- und Kriegsgebieten gemacht habe, weiß ich, wie enorm heikel solche Gespräche sind, und wie vorsichtig man mit Menschen in solchen Lagen verfahren muss. Es gilt: Man kann nicht vorsichtig genug sein. Im Moment wird viel von der öffentlichen Trauer in Oslo und Norwegen gezeigt und darüber berichtet. Das halte ich für genau das Richtige und Angemessene. Individuelle Betroffene brauchen ihre Ruhe, vertraute Gesichter und viel Zeit.

2. Der Täter: Er muss uns als Gesellschaft interessieren, so wenig wir das mögen oder wollen. Nur wenn wir die Täter klarer profilieren, die Ursachen ihres unethischen Handelns besser begreifen, kann wirksame Prävention gelingen. Das wurde auch bei Amokläufern und ähnlichen Fällen versucht, wo inzwischen Lehrer, Erzieher, teils auch Eltern besser begreifen, worauf es zu achten gilt, wenn etwa Schüler auffällig oder besonders „unauffällig“ sind. Außerdem ist es – mir zumindest, und vielen meiner Kollegen auch – wichtig, dass kein dämonisches Monstrum für die Massenmedien und Massenfantasien geschaffen wird. Ein solches „Monstrum“ wird leicht Teil der kollektiven Vorstellung vom Menschen, und es verunsichert zutiefst. Aufklärung bedeutet, Ursachen und Wirkungen auf die Spur zu kommen, die Ereignisse in einen Kontext zu bringen, die Dimension der Tat einordnen zu können. Damit wird die Tat nicht weniger ungeheuerlich oder strafbar, sondern der Täter wird entmystifiziert. Er will sich als Mythos und Held gesehen wissen – genau das darf nicht zugelassen werden. Ich hoffe, Sie können diese Argumente nachvollziehen oder doch verstehen, was wir uns dabei denken, wenn wir uns auf die Suche nach Ursachen begeben.

Mit Dank für Ihr Engagement und Interesse und mit besten Grüßen,

Caroline Fetscher

— Caroline Fetscher ist Reporterin und Mitglied der Redaktion des Tagesspiegels.

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