Politik : Wilde Weltenretter

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Der edle Wilde war mal so eine Idee zivilisationsmüder Intellektueller. Unverbildet, frei von Herz- und Kreislaufkrankheiten, ohne Neid und Arg, unfähig zu Büroklatsch und Rentenlüge – würde so einer die Welt retten können, wenn wir ihn nur rechtzeitig aus dem Regenwald locken und in einen grauen Anzug stecken? Über schätzungsweise ein Jahrhundert hat das Konzept versagt, aber das definitive Lockmittel steht auch erst jetzt zur Verfügung: Es handelt sich um das so genannte Reality-TV.

Bei Sat 1 haben sie bereits den ersten Kontakt angebahnt und drei deutsche Familien losgeschickt, nach Indonesien, Togo und Namibia. Ihr Auftrag: Bewährt euch im Alltagsleben! Also werden sie, wenn wir das Ergebnis im Herbst zu sehen bekommen, allerhand unerwartete Probleme lösen müssen: Der Lendenschurz ist nur in XL vorrätig, das Rind zum Frühstück muss mit der bloßen Hand erwürgt werden, der Reis ist zwar mit Skorpionen gewürzt, enthält aber weder Kochbeutel noch Rezeptvorschläge. Und die Tochter aus dem westfälischen Hamminkeln entdeckt bei den Himba in Namibia das ultimative Grauen: kein Anschluss für den Ladestecker vom MP3- Player.

Wir gehen davon aus, dass die betreffenden Stämme sorgfältig ausgesucht wurden: unheimlich, aber nicht aggressiv, leicht, aber nicht zu leicht bekleidet, frei von kannibalischen Regungen und vor allem fotogen. Denn sie sollen ja später auch zum Gegenbesuch nach Deutschland kommen, wo die Sache erst richtig lustig wird: Passt die Hängematte auf den Balkon? Darf das Kaninchen aus Nachbars Stall im Wohnzimmerkamin zubereitet werden? Vermutlich werden sie den Himba-Medizinmann zur Melanchthon-Apotheke in Hamminkeln nach Aspirin schicken und abwarten, ob er gleich die ganze Packung verschluckt. Schafft er es, bei Lidl einen Einkaufswagen loszumachen, kann er Aronal von Elmex unterscheiden, und lassen sie ihn barfuß und mit seiner Bongo in den Abendmahlsgottesdienst?

Wir sehen: Das Humorpotenzial der neuen Serienkonstruktion ist unerschöpflich, und zwar ganz ohne den Einsatz der üblichen Prominenzgranaten wie Dirk Bach, Dirk, äh, Bach … Na, egal. Es kommt am Ende ja vor allem auf die Perspektive an: Retten sie denn nun die Zivilisation, die fremden Wilden? Wenn demnächst ihr Lagerfeuer droben neben der Reichstagskuppel lodert, wird es spannend. Achten Sie auf schlanke, wortkarge Abgeordnete, die im grauen Anzug barfuß gehen!

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