Politik : Wilder Westen in Bagdad

Auch amerikanische Soldaten und Journalisten waren an den Plünderungen im Irak beteiligt – ihnen drohen harte Strafen

Malte Lehming[Washington]

Es muss der aufregendste Tag in seinem Leben gewesen sein. Als Benjamin Johnson beim US-Nachrichtensender „Fox" anfing, dem konservativen, krawallpopulistischen Konkurrenten von CNN, war er 21 Jahre alt. Ins Rampenlicht gelangte er nie. Johnson ist Techniker, zuständig für das Funktionieren von Satellitenschüsseln. Sechs Jahre lang begleitete er die Reporter auf ihren Expeditionen um die Welt. Sie kamen zu Ruhm und viel Geld, er rackerte im Hintergrund. Dann kam der Irak-Krieg, Bagdad fiel, US-Soldaten eroberten die Paläste des Diktators. Johnson war dabei. In einem der Paläste, der Saddam Husseins Sohn Udai gehörte, fühlte sich Johnson einen Moment lang unbeobachtet. Er sah sich um, an den Wänden hingen Ölbilder – Porträts des Hussein-Clans und historische Szenen aus der arabischen Geschichte. Der Stil ließe sich wohlwollend als naiver Realismus bezeichnen. Andere nennen solche Schinken Kitsch. Johnson griff zu. Insgesamt zwölf Gemälde stahl er und verwahrte sie in einer großen Pappschachtel. Als er auf dem Internationalen Flughafen von Washington wieder in die USA einreisen wollte, wurde er verhaftet. Inzwischen ist er wegen Schmuggels und Falschaussage angeklagt worden. Ihm drohen fünf Jahre Haft. „Fox" hat ihn entlassen.

Johnson ist kein Einzelfall. Die Kriegswirren haben offenbar bei mehreren amerikanischen Journalisten und Soldaten das moralische Bewusstsein getrübt. Der US-Zoll konfisziert immer mehr „Kriegs-Souvenirs". Zu der Beute der „Befreier" gehören vergoldete Pistolen, Gewehre und Kalaschnikows, Dolche und Schwerter aus Edelmetall sowie irakische Schatzbriefe. Keiner der bisher sichergestellten Gegenstände stammt aus den geplünderten Museen von Bagdad. Dennoch würden die Diebe hart bestraft, warnte das US-Ministerium für innere Sicherheit. Das Gepäck der heimkehrenden Journalisten werde künftig besonders gründlich durchsucht.

Die möglichen Missetaten der Soldaten freilich fliegen nicht so leicht auf. Deren Gepäck wird von der Armee weniger streng kontrolliert als das der zivilen Heimkehrer vom Zoll. Außerdem wäscht das Pentagon die schmutzige Wäsche seiner Angestellten nur ungern in aller Öffentlichkeit. Deshalb wurde bisher erst ein Vergehen bekannt. Das allerdings ist recht kapital. Etwa 600 Millionen Dollar in bar fanden amerikanische Soldaten in einem der Paläste von Saddam Hussein. Knapp eine Million davon rissen sie sich unter den Nagel. Gegen fünf Soldaten wird ermittelt. Doch das sind Glückstreffer. Es ist die Dunkelziffer, die erschaudern lässt.

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