Politik : Will Warschau Kerneuropa sein? (Gastkommentar)

Anna Rubinowicz

Na endlich: Es gibt einen Platz für Polen in Europa. Zwar nur für fünf Monate, aber immerhin. Bei der Expo in Hannover ist Polen am Europäischen Boulevard zu finden. Allerdings ist das Glück nicht vollkommen: Polens Pavillon befindet sich nicht im Herzen Europas, nicht in der Nähe der EU-Größen, sondern an Europas Rand, unter lauter Kandidaten: Tschechen, Türken - und den Norwegern, die sich bisher nicht zum Beitritt entschließen können. Der einzige EU-Pavillon in unserer Nähe ist der belgische.

Nie in der ersten Reihe, immer hintendran - das ist unser Albtraum, wenn wir Polen an unsere Zukunft in Europa denken. Schon jetzt gibt es im großen europäischen Club verschiedene Untergruppen: den Euro-Club, die Schengen-Staaten. Daher auch die eher zurückhaltenden Reaktionen aus Polen auf Joschka Fischers Europa-Vision einer europäischen Integrations-Avantgarde - einer kleinen Gruppe von Ländern, die intensiver miteinander zusammenarbeiten und künftige EU-Wege ausloten sollen. Wir Polen sind noch nicht einmal Mitglied in der heutigen EU, und kaum rückt die Perspektive näher, wird die Latte noch höher gelegt? Wie sollen wir das überhaupt schaffen?

Eine Genugtuung, vielleicht auch ein Trost ist es da schon, wenn Joschka Fischer unserem Außenminister Geremek versichert, für Polen werde es bestimmt einen Platz in der europäischen Integrations-Avantgarde geben. Wir würden in dieser Gruppe erwartet und seien dort willkommen.

Aber wollen wir denn wirklich Avantgarde sein - wie Außenminister Geremedpak im Gegenzug seinem deutschen Kollegen versicherte? Die polnische Seele ist gespalten. Es ist eine Frage des Stolzes und der Ehre, nach den Jahrzehnten im Schatten des wahren Europa, jenseits des Eisernen Vorhangs, die Zukunft des Kontinents gemeinsam mit Frankreich, Deutschland, Großbritannien oder Italien gestalten zu dürfen. Andererseits bringt die Zugehörigkeit zu Kerneuropa einen größeren und schnelleren Verlust nationalstaatlicher Souveränität mit sich. Das gibt auch Joschka Fischer zu, wenngleich er neuerdings sicher ist, dass die Nationen und ihre Nationalstaaten noch einen lange Zukunft vor sich haben.

Wollen wir eine wachsende Übertragung von Souveränität an die EU? Darüber haben die Polen - und auch andere Osteuropäer - noch nicht genau nachgedacht. Instinktiv spüren wir, dass uns unsere erst kürzlich wiedergewonnene Souveränität sehr viel wert ist. Auch wenn wir in Europa als die größten Freunde Amerikas gelten, träumen wir gar nicht von den Vereinigten Staaten Europas. Nach Jahrzehnten der Fremdbestimmung wollen wir endlich über uns selbst bestimmen und eigene Fehler machen können. Am liebsten möchten wir beides vereinen: Europas Avantgarde an der Seite Deutschlands und Frankreichs sein und zugleich unsere Souveränität bewahren. Den Kuchen essen und in den Schrank stellen - ob das geht?Die Autorin berichtet für die polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" aus Deutschland.

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