Politik : Willi Nowack bangt um die Macht

Willi Nowack ahnte kurz vor dem 12. September zwar, dass der Wahlgang für die Genossen in der heimlichen Hauptstadt des Reviers schwer werden würde, aber das Ergebnis hat den SPD-Fraktionschef in Essen ins Mark getroffen. "Ich war wie benommen, als die Zahlen kamen", erzählt Nowack, von dem man wissen muß, dass ihn so schnell nichts erschüttert. Das schlechteste Ergebnis seit 1948, gerade mal 35 Prozent. "Ja, wir haben wohl auch Fehler gemacht", läßt Nowack sich entlocken.

Etliche in der Essener SPD drücken das drastischer aus. "Wer nicht zurücktritt, wird zurückgetreten", schleudert Birgit Rust in den Saal und in diesem Moment brandet tosender Beifall auf. Mitten in der Woche haben sich bald 250 Genossinnen und Genossen in der Gaststätte "Margarethenhöhe" versammelt, mitten in der traditionsreichen Krupp-Siedlung. Natürlich war der abwesende Nowack mit dem Satz der Genossin Rust gemeint. "Herr Nowack bestimmt, wer und wer nicht in der SPD, und das ist nicht vernünftig", giftet Parteifreund Wolfgang Molitor, und die 74-jährige Gerda Linde drückt etwas gewählter aus, was die Menschen hier zusammengebracht hat: "Für mich war hier zu wenig Demokratie und ich glaube, dass Willi Nowack zu mächtig geworden ist." Am Ende beschließen die Genossen, ein Mitgliederbegehren zu starten, um den Unterbezirksvorstand zum Rücktritt zu zwingen.

Inzwischen hat Franz Müntefering von den Vorgängen in Essen gehört. Der amtierende SPD-Generalsekretär ist auch Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen, und wenn es derartig in einem Unterbezirk mit mehr als 8500 Mitgliedern brennt, muss der Vorsitzende eingreifen. "Es gibt Zweifel, ob dieses Begehren der Satzung entspricht", hat Willi Nowack nach Berlin kabeln lassen, aber er ist ausreichend Politprofi, um zu wissen, dass formale Argumente kaum helfen. "Wir werden ziemlich schnell mehr als 850 Unterschriften sammeln, und dann starten wir das Begehren", hat Otto Reschke unter großem Beifall auf der "Margarethenhöhe" ausgerufen. "Die Wahlanalyse des Vorstandes war absolut unzureichend", beklagt Reschke. In der Tat hatte die Unterbezirksvorsitzende Elke Esser hauptsächlich den Bundestrend und Gerhard Schröder für die Katastrophe in Essen verantwortlich gemacht. "Die haben ausgeblendet, was sie alles falsch gemacht haben", schimpft Reschke, der lange für die SPD im Bundestag saß.

Bei diesem Thema werden viele Geschichten über eine Partei erzählt, die nach mehr als 40 Jahren absoluter Mehrheit das Gespür für die Menschen in der Stadt verloren hat. Die Genossen hatten, um den Haushalt zu sanieren, die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft Allbau und ihre 17 000 Wohnungen trotz heftiger Proteste verkauft. Die Niederlage bei der Wahl deutete sich an, als man Umbaupläne für den städtischen Saalbau und den Neubau einer Philharmonie erst beerdigte, als Gegner-Initiativen fast 100 000 Unterschriften vorlegten. "Das habe ich unterschätzt", weiß Nowack heute. Die Menschen hatten mit ihrer Unterschrift weniger die Details der Pläne kritisiert, für sie war es eine Abrechnung mit den allzu selbstgefälligen Machthabern in der Stadt.

Wenn sich jetzt Müntefering in den Konflikt einmischt, wird er all diese Argumente hören. Ihm wird dann freilich auch auffallen, dass unter den Initiatoren der "SPD von unten" etliche Genossen sind, die persönliche Rechnungen mit Nowack begleichen. Reschke verlor seinen sicheren Wahlkreis im parteiinternen Rennen, weil Nowack andere Pläne hatte und dafür eine Mehrheit auf dem Parteitag fand. Udo Bayer wurde als Dezernent in der Stadt abgewählt und hat diese Niederlage bis heute nicht verwunden. "In seinem Ortsverein haben wir 22 Prozent verloren", wird Nowack dem Landesvorsitzenden vorrechnen und davon erzählen, dass die eigenen Parteifreunde dort den Wahlkampf verweigert haben, weil sie mit der - ebenfalls auf einem Parteitag - gewählten Kandidatin nicht einverstanden waren. Solche Konflikte sind in der Essener SPD nicht neu, aber früher waren zwei Dinge anders: Einmal wurden die Flügel auf Parteitagen nicht überstimmt, undwer verloren hatte, zog dennoch mit den Gewinnern in den Wahlkampf. "Brandstifter wollen Feuerwehrleute werden", titelte eine Regionalzeitung, als sie Bayer und Reschke als Initiatoren des Mitgliederbegehrens vorstellte. Müntefering steht vor der schwierigen Frage zu beurteilen, wer die Brandstifter und wer die Feuerwehrleute sind.

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