Politik : Willy Brandt: "Schwächen waren seine Stärke"

Norbert Seitz

Nachdem sich der Rauch des Witwendebakels und der Wehner-Legenden verzogen hat, scheint die Luft nunmehr rein für die erste groß angelegte Brandt-Biografie neun Jahre nach seinem Tod. Als Erster meldet sich der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen zu Wort, der der SPD zwar nicht unbedingt nahe steht, aber dennoch Brandts außergewöhnliche Persönlichkeit mit all ihren Schattierungen zu würdigen weiß.

Um das Wichtigste gleich vorweg zu nehmen: "Ans Messer geliefert hat Wehner Brandt nicht." An dieser These werden vor allem jene geistigen Erbschleicher zu knabbern haben, die ihre Trauer mit neuen Opferlegenden verarbeiteten. Nein, Schöllgen arbeitet den Willy-Mythos schonungslos ab, aber ohne die Größe Brandts zu verraten.

Die Biografie bestätigt zunächst über die Maßen die herausragende Rolle des jungen Brandt in der skandinavischen Emigration. Fast möchte man meinen: Er gibt dem jungen Brandt, was er dem alten nehmen wird. Für den jungen Sozialisten konnte es keine "nationale Pflicht" geben, sich grundlos "einsperren oder totschlagen zu lassen", wie Brandt einmal rückblickend bemerkte. Als nichteheliches Kind hatte der junge Frahm Gemeinschaftserlebnisse als Familienersatz erfahren. "Kein Wunder", so Schöllgen, "dass er sich mit normalen Bindungen zeitlebens schwer tut", Nähe nur herstellen kann, ohne Distanz aufzuheben, keine Freunde im engeren Sinn hat, die ihm "wirklich nah" sind und mit der klassischen Vaterrolle nichts anzufangen weiß.

Auch wenn es Anhaltspunkte gibt, dass Brandt sporadisch im Kampf gegen Hitler "mit dem NKWD zusammengearbeitet hat", lässt der Autor an der frühen Grundüberzeugung Brandts keinen Zweifel, dass Sozialismus nur freiheitlich-demokratisch erstrebenswert sei: "Die Wandlungen und Wendungen des Willy Brandt in dieser Frage zu erkunden. Es gibt sie nicht." 1944 wendet er sich von allen Dritten Wegen zum Sozialismus ab und tritt der Exil-SPD bei.

Schumachers strengem Parteiregiment widersetzt er sich als früher Anti-Autoritärer: "Ich behalte mir vor, mir über neu auftauchende Fragen selbst den Kopf zu zerbrechen. Und ich werde nie im voraus Ja sagen." Im Berliner "Niemandsland am Rande der Welt" etabliert sich Brandt als Parteireformer in "offener Feindschaft" zum traditionellen Landeschef Franz Neumann. Er erlebt bittere Niederlagen auf Landes- und Bundesparteitagen, gibt aber nicht auf, zumal er auf einen unverhofften Förderer an der Parteispitze treffen wird: "Der Aufstieg Willy Brandts ist, jedenfalls was die Regie in der Bundespolitik angeht, im Wesentlichen das Werk Herbert Wehners."

Der Bonner Zuchtmeister macht sich das Berliner "Medienwunder" zu Eigen: "Ich habe Brandt aufgebaut und durchgeboxt", dessen erste Kanzlerkandidatur einer "taktischen Meisterleistung" auf dem Hannoveraner Parteitag 1960 entspringt, aus der Wehner freilich auch ein "Recht auf Demontage, falls erforderlich" abzuleiten scheint. Lange Zeit funktioniert die unausgesprochene Arbeitsteilung, dass der weltgewandte Brandt repräsentiert und der knorrige Wehner den Laden zusammenhält.

Schöllgen überschreibt Brandts Bonner Regierungsjahre als "Falle", ohne sich jedoch der Frage zu stellen, warum das von ihm so gepriesene außenpolitische Talent in Berlin hätte verkümmern sollen, um bei sich zu bleiben. Hätte Brandt seine Karriere bescheidener anlegen sollen?

Dass Hitler nun endgültig den Krieg verloren habe, soll Willy Brandt nicht ohne Süffisanz nach seiner Wahl zum Bundeskanzler am 21. Oktober 1969 bemerkt haben. Dieser historische Maßstab für seinen Erfolg war gewiss nicht vermessen - nach den verletzenden Diffamierungskampagnen, die er wegen seiner Zeit in der Emigration hatte ertragen müssen. Nie sei Brandt "so zielstrebig und energisch" gewesen wie in jener Wahlnacht 1969, als er in einem "innerparteilichen Staatsstreich" die sozialliberale Chance auf die Kanzlerschaft ergriff und der von Wehner bevorzugten Großen Koalition kalt den Rücken kehrte.

Doch seine Kanzlerjahre sind eine Zeit der Zerrissenheit, in der seine unübertroffenen charismatischen Auftritte in der Öffentlichkeit eine tiefgreifende persönliche Krise überdecken. Schöllgen übersieht weder den internen Machtwillen Wehners noch die mitunter lähmenden Schwächen Brandts, dessen Eskapismus und starken Hang zur Sentimentalität, seine periodisch auftretenden Depressionen, seine mangelnde Menschenkenntnis im Umgang mit engsten Mitarbeitern, "Züge der Hemmungslosigkeit im Umgang mit Frauen", wie sie ihm von Berliner Parteifreunden nachgesagt werden.

So mancher Triumph rächt sich bitter: Barzels gescheitertes Misstrauensvotum im April 1972 endet in der Steiner-Wienand-Bestechungsaffäre und Stasivorwürfen, die moralisch zu Buche schlagen; sein historischer Wahlerfolg im November des gleichen Jahres wurde in einem wahren Rekordtempo verspielt, ohne dass die Opposition eine Hand mit im Spiel gehabt hätte; von Guillaume als "Antwort" der DDR auf seine deutsch-deutsche Vertragspolitik gar nicht zu reden.

Rächen sollte sich auch sein innerparteilicher Triumph über Helmut Schmidt und dessen Nato-Doppelbeschluss auf dem Kölner Sonderparteitag 1983, als nur noch ein Fähnlein von 14 Aufrechten dem gerade gestrauchelten Ex-Kanzler zur Seite standen. Nach dem Mauerfall sollte sich Brandt ähnlich einsam fühlen, seine späte "nationale Heimkehr" blieb in seiner Partei weitgehend unverstanden.

Hart geht der Historiker und "Außenpolitiker" Schöllgen mit der Phase des "flüchtenden" Weltreisenden Brandt nach seinem Kanzlersturz ins Gericht. Mit seinem angestrebten Marshall-Plan für die südliche Hemisphäre sei er "auf ganzer Linie gescheitert". Außerdem sieht er die "Grenzen des Erträglichen" gegenüber seinem Nachfolger Helmut Schmidt häufig überschritten. Gegen den Nato-Doppelbeschluss habe Brandt eine "regelrechte Parallel- oder gar Gegendiplomatie" betrieben, bei Breschnew sei er seinem Bundeskanzler ähnlich in den Rücken gefallen, "wie das acht Jahre zuvor Herbert Wehner an gleichem Ort mit ihm getan hat".

Hier greift die außenpolitische Fixierung des Autoren Schöllgen zu kurz. Vor lauter Bündnisraison bleibt ihm mitunter der Blick für eine innen- oder parteipolitische Brisanz verstellt. Hat nicht auch Helmut Kohl mit der verspäteten Anerkennung der Oder-Neiße-Linie auf parteiinterne Widerstände Rücksicht genommen?

Als Brandt an seinem Lebensende die ostdeutschen Gründungsstätten seiner Partei aufsucht, posiert er nochmals in der Rolle des großen Politmimen, der sich sentimental auf Abschiedstournee begibt. Schöllgen nennt es "Abglanz", wenn Brandt am Fenster des Hotels Erfurter Hof die Szene vom März 1970 nachstellt, wo er sich erstmals mit Willi Stoph getroffen hatte. Aber am Ende ist das jähe Scheitern seines einstigen Lieblings-"Enkels" Lafontaine auch seine Niederlage.

Schöllgen hat sich mit vielen früheren Weggefährten unterhalten, darunter auch Ruth Brandt, auf deren Anteil an der Popularität des Politikers ausdrücklich hingewiesen wird. Dagegen fehlt der Name der rechtmäßigen Witwe. Deren Sichtweise wird keineswegs geteilt, "so wie am Lebensende" sei Willy Brandt "wirklich" gewesen, zumal es dem Autor suspekt erscheint, "dass sich Brigitte Seebacher bald nach dem Tod ihres Mannes von restlos allem trennt, was an die gemeinsamen Jahre erinnert (...): Möbel, Bilder, Bücher, intime Korrespondenzen - alles nimmt leidenschaftslos seinen Weg ins Archiv."

Wie er wirklich war, kann auch Schöllgens Biografie nicht restlos klären. Denn die Faszination, die von dem langjährigen SPD-Vorsitzenden ausgeht, sieht der Biograf eher in seinen gelebten Widersprüchen, seinen dramatischen Siegen und Niederlagen, seiner Überlebenskunst. Da wird weder geglättet noch gering geschätzt. "Die" und nicht "eine" Biografie - wie sie der Autor (oder der Verlag) selbstbewusst nennt - bleibt den Verdiensten Brandts kein Lob schuldig, ohne ihm Niederlagen und Fehler nachzusehen. Denn seine "Schwächen waren seine Stärke". Deshalb konnte er auch "das Herz des Volkes" erobern, wie Scheel ihm nach dem Kanzlersturz schrieb.

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