Willy Brandt und die Familie : Nie sahen ihn seine Söhne weinen

Willy Brandt bemühte sich, ein guter Vater zu sein. Doch ein Familienmensch war er nicht. Er tat sich schwer mit Emotionen und floh in die Geschichte.

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Posieren für die Öffentlichkeit. Willy Brandt als Berlins Regierender Bürgermeister mit seiner Frau Rut und den Söhnen Lars (14), Peter (16) und Matthias (4), aufgenommen 1965. Foto: picture-alliance / dpa
Posieren für die Öffentlichkeit. Willy Brandt als Berlins Regierender Bürgermeister mit seiner Frau Rut und den Söhnen Lars (14),...Foto: picture-alliance / dpa

Willy Brandt fiel es schwer, in der Familie Halt und Geborgenheit zu finden. Eher war er in der ganzen Welt zu Hause, in der Geschichte und seiner Partei. Einer wie er fand vor Hunderttausenden die richtigen Worte und gab der Masse das Gefühl, ihr nahe zu sein, sie zu verstehen. Doch im familiären Kreis blieb der Übervater der SPD oft genug ein unsichtbarer Vater, der sich in sich selbst zurückzog. Privat litt er darunter, nicht die richtigen Worte und Gesten zu finden, denn seine Kindheit und Jugend hatten ihm eine soziale Bindegewebsschwäche beschert, ein Unvermögen, sich emotional mitzuteilen und zu öffnen. Wo hätte er diese familiäre Sprache auch lernen sollen?

Willy Brandt wächst als uneheliches Kind überwiegend bei seinem Großvater auf. Seinen leiblichen Vater lernt Brandt nie kennen, und er glaubt lange Zeit, sein Stiefgroßvater Ludwig Frahm, den er „Papa“ nennt, sei sein Vater. Doch der geliebte Mann, der bis dahin seine wichtigste familiäre Instanz war, begeht 1935 aus Verzweiflung Selbstmord. Da lebt Willy Brandt schon im norwegischen Exil und hat sich auf der Flucht vor den Nazis eine eigene Identität gegeben. Am 11. März 1933 nennt sich der junge Mann, der bis dahin auf den Namen Herbert Frahm hörte, Willy Brandt.

Dieser Tarn- und Kampfname entwickelt ein eigenes Gewicht, ein eigenes Schicksal, denn er bietet dem jungen Mann die Chance, sich selbst aus der Taufe zu heben und das alte, ungeliebte Ich zu verabschieden. Willy Brandt hat in seinen Biografien später oft betont, wie fremd ihm dieser Herbert Frahm geworden sei. Seither hatte Willy Brandt mit dieser Abspaltung zu leben, ein Riss geht durch seine Persönlichkeit, und Brandt fragte sich, ob er zum Ehemann, Familienmenschen und Vater überhaupt tauge? Willy Brandt kam, wie er selbst schrieb, aus dem „familiären Chaos“ und fand seine Heimat früh in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Und als seine erste Ehe mit der Norwegerin Carlota Thorkildssen, aus der seine Tochter Ninja (1940*) hervorgeht, nach wenigen Jahren scheitert, bestärkt diese Erfahrung Brandt darin, wohl kein Familienmensch zu sein. Seine zweite Ehe mit Rut Hansen verwitwete Bergaust, die 1948 geschlossen wird, ist daher ein Wagnis, eine echte Herausforderung.

Als er 1947 nach Deutschland zurückkehrt und seine erste Frau Carlota und ihre Tochter Ninja verlässt, schreibt er anrührende Briefe an das siebenjährige Mädchen, um ihr nahe zu sein und zu erklären, warum er sich in der Politik engagiert. Am 4. Dezember 1947 berichtet er aus Berlin: „Vielleicht hat Mama schon erzählt, dass ich in einigen Wochen eine neue Arbeit anfangen werde. Ich bin ja, wie Du weißt, in Deutschland aufgewachsen. Später habe ich in Norwegen gewohnt. Ich musste nach Norwegen fliehen, weil die, die damals in Deutschland regiert haben, dieselben schrecklichen Leute waren, die später auch Soldaten nach Norwegen geschickt haben. Jetzt aber gibt es andere Menschen, die Deutschland wieder aufbauen wollen und dafür sorgen werden, dass das Land nie wieder etwas Falsches gegen andere Länder unternimmt. Und ich finde, dass ich dabei helfen muss, auch wenn ich Norwegen sehr, sehr lieb habe. Es ist aber so, wie mir neulich einer meiner Freunde aus der Schweiz geschrieben hat: Ich muss jetzt für dasjenige von meinen beiden Vaterländern arbeiten, das es schwer hat und meine Hilfe braucht. Eine große Umarmung von Deinem Papa.“

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