Winter-WM in Katar : Wie die Fifa und ihr Chef die Kritiker ruhig stellten

Die Fußball-WM in Katar findet im Winter statt. Wie haben die Fifa und ihr Chef die Kritiker ruhig gestellt? Lesen Sie hier Fragen und Antworten zu der umstrittenen Fußball-Weltmeisterschaft.

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Mit einem verkniffenen Lächeln betritt Joseph Blatter am Freitagmittag das dunkle Auditorium in der Züricher Fifa-Zentrale. Er setzt sich auf einen der großen schwarzen Ledersessel auf dem Podium, mustert seine zahlreichen Zuhörer, und bevor er über die Beschlüsse des Exekutiv-Komitees, des höchsten Gremiums der Fifa, spricht, eröffnet er die Pressekonferenz mit einem bitteren Witz. Wie transparent der Fußball-Weltverband sei, habe sich schon am Donnerstagabend gezeigt, sagt Blatter. Da habe die Fifa ja sogar schon vom ersten Tag der Sitzung berichtet: über die Entscheidung, dass die Weltmeisterschaft 2022 in Katar im November und Dezember ausgetragen wird. Und darüber, dass das Finale am 18. Dezember stattfinden wird. Dass die Fifa damit nur auf britische Medienberichte über diese Festlegung reagierte, erwähnte der 79-Jährige nicht. Stattdessen sagte Blatter: „Nun werden all die Gerüchte um Katar ja beendet sein.“ Diese Hoffnung dürfte nicht eintreten. Denn die offizielle Festlegung, zum ersten Mal eine WM in diesem Zeitraum zu veranstalten, wird viele weitere Veränderungen für die Ligen, Vereine, Spieler und Fans nach sich ziehen.

Wie kam es zu der Terminierung?

Die Fifa hat zunächst einmal eingesehen, dass die Weltmeisterschaft in den bisher üblichen Monaten im Juni und Juli nicht stattfinden kann, weil es dann in Katar mit Temperaturen von bis zu 50 Grad einfach zu heiß ist. Bei der offiziellen Vergabe 2010 spielten diese Bedenken allerdings keine Rolle. In den vergangenen Monaten äußerten sich immer mehr Vertreter der Fifa, dass solche Temperaturen den Spielern und Fans nun wirklich nicht zuzumuten seien. Und so schlug die offizielle Terminfindungs-Kommission Ende Februar vor, die WM im November und Dezember auszutragen. Dann sind die Temperaturen mit Mitte 20 Grad am angenehmsten für Leistungssportler und Besucher. Andere Terminszenarien, zum Beispiel im April und Mai, wie es die Uefa favorisiert hatte, wurden bereits im Februar verworfen. Denn das passte mit den wahrscheinlich zu hohen Temperaturen und dem Fastenmonat Ramadan nicht zusammen. Auch der Januar und Februar kamen nicht infrage, weil dann die Olympischen Winterspiele stattfinden.

Welche Auswirkungen hat das auf die Ligen?

Besonders für die europäischen Ligen, die normalerweise in dem Zeitraum von August bis Juni ihre Spielzeiten austragen, stehen nun große Veränderungen des Spielplans an, mindestens in der Saison 2021/22 – aber wahrscheinlich auch in der Saison davor und danach. Zudem müssen die Ligen nun eine Pause in der WM-Spielzeit einplanen, wahrscheinlich von Oktober bis Dezember. Wie lang genau diese sein wird, dürfte in den kommenden Monaten entschieden werden. Zunächst wird eine Fifa-Kommission den Rahmenkalender für 2019 bis 2022 festlegen, das soll bis spätestens Ende dieses Jahres geschehen. Daran können sich die Ligen orientieren, um dann den eigenen Spielplan aufzustellen. Dass dies der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gar nicht gefällt, hat der DFL-Präsident Reinhard Rauball auch gestern wiederholt. „Die Entscheidung für Katar ist und bleibt ein großer Fehler der Fifa mit schwerwiegenden Folgen“, sagte er. „Daran ändern auch die nachträglich vorgenommenen einschneidenden Korrekturen nichts.“ Für Rauball steht fest: „Die nun beschlossene Verlegung der WM in den Dezember erfolgt größtenteils auf dem Rücken der Ligen und der Fans in Europa.“ Auch Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), erneuerte seine Kritik: „Es fällt nicht leicht, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass ein WM-Finale an einem vierten Advent stattfindet.“ Größter Gegner des Winter-Termins ist die englische Premier League. Weil mit einem Finale am 18. Dezember nun jedoch der traditionelle und immens populäre Spieltag am Boxing Day (26. Dezember) möglich ist, sollten die Briten jedoch etwas milder gestimmt sein.

Was bedeutet dies für die Klubs?

Neben einer neuen Saisonvorbereitung müssen die Vereine ihre Spieler nun zum ersten Mal im Zeitraum Oktober bis Dezember so lange abstellen. Das wollen sich die Klubs entsprechend entlohnen lassen, soll heißen: Sie forderten mehr Geld an Abstellungsgebühren von der Fifa. Und der Weltverband reagierte darauf. Am Freitag gab die Fifa gemeinsam mit der europäischen Klub-Vereinigung (ECA) bekannt, dass diese Abstellungsgebühren für die Vereine deutlich erhöht werden. Für die WM 2018 in Russland und das Turnier 2022 in Katar wird die Fifa jeweils 209 Millionen US-Dollar ausschütten – das ist etwa dreimal so viel wie für die Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Brasilien an die Klubs floss. Dementsprechend zufrieden ist Karl-Heinz Rummenigge. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München ist zugleich Vorsitzender der ECA. „In seriösen und fairen Verhandlungen hat sich die ECA mit der Fifa verständigt“, ließ er sich in einer Mitteilung zitieren. „Erstmals erhalten die europäischen Klubs Mitbestimmungsrechte bei der Gestaltung des internationalen Kalenders, was mir persönlich sehr wichtig war.“ Laut Rummenigge werden die Klubs nun in den Aufbau des Kalenders der WM 2022 eingebunden. Das laute Getöse der Vereine gegen Katar hat sich nun also besonders finanziell ausgezahlt. Auch Blatter äußerte sich erleichtert. Die Einigung sei ein „Riesenschritt“ in der Zusammenarbeit mit den Klubs, betonte der Schweizer.

Wie geht es weiter mit der Katar-WM?

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Fifa dem arabischen Emirat das Turnier noch entzieht, tendiert gegen null. Noch nie hat der Weltverband einem Gastgeber eine WM gegen dessen Willen wieder weggenommen. Die Verträge mit dem Ausrichter, den Medien und Sponsoren sind bereits geschlossen, bei Bruch der Vereinbarungen müsste die Fifa wohl Entschädigungen in Milliardenhöhe zahlen. Das würde den Verband ruinieren. „Eine getroffene Entscheidung ist rechtsgültig, solange es keine gegenteiligen Beweise gibt“, sagte selbst Katar-Kritiker Theo Zwanziger am Freitag. Das deutsche Mitglied im Exekutiv-Komitee, der Fifa-Regierung, bemühte sich immerhin um Verbesserungen für die Arbeiter auf den WM- Baustellen. „Katar hat nicht nur Verantwortung für Sportplätze und Beton, sondern auch für Menschen“, sagte er. Künftig soll ein Fifa-Kontrolleur nach Katar entsendet werden. Die Lage der Gastarbeiter, die nur wenig Schutz und Rechte besitzen, war immer wieder Gegenstand der Kritik, Gewerkschaften fürchteten bis zu 4000 tote Wanderarbeiter bis 2022. Spannend wird die Umsetzung und Kontrolle der Vorgaben in dem stetig nach oben wachsenden Emirat, das sich Gebäude und Infrastruktur auch von deutschen Firmen bauen lässt. „Es werden in den kommenden Monaten und Jahren immer wieder Berichte kommen, die uns zweifeln lassen“, ahnt Zwanziger, der selbst Ende Mai aus der Fifa-Exekutive ausscheidet.

Und wer spricht über Russland?

Die Russen können froh sein, dass es Katar gibt. Die Diskussionen über Sinn und Unsinn einer WM in einem winzigen Emirat mit zweifelhaftem Klima und Leumund sowie die Bestechungsvorwürfe bei der Vergabe – all das ließ ein Turnier in den Hintergrund rücken, das noch vier Jahre zuvor stattfindet: die WM 2018 in Russland. Und das trotz der aktuellen Spannungen in der Ostukraine und auf der Krim samt Wirtschaftssanktionen der EU. Das öffentliche Bewusstsein ändert sich aber langsam. Der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko rief zuletzt zu einem Boykott des Turniers auf, deutsche Politiker wie Frank Steffel (CDU) sprangen ihm bei. Der Fifa gefallen solche Einmischungen gar nicht. „Die WM 2018 findet in Russland statt, das ist sicher“, sagte Blatter am Freitag. „Boykotte haben noch nie zu einer Lösung geführt.“ Und dann philosophierte der Schweizer über die völkerverbindende Funktion seines Sports: „Die WM wird sogar die Situation in der Region stabilisieren, Fußball ist stärker als jede andere Bewegung.“

Gibt es in der Fifa noch Gegenwind?

Die WM-Turniere an Katar und Russland stellt kein Fußballfunktionär offen in Frage, siehe Vertragslage. Aber die Praxis der WM-Vergaben, die fehlenden Alters- und Amtszeitsbeschränkungen sowie der Umgang mit den Korruptionsvorwürfen missfällt vielen Menschen im Weltverband. Am 29. Mai wählen die 209 Fifa-Mitgliedsverbände in Zürich einen neuen Präsidenten, der Reformen voranschieben könnte. Drei Herausforderer treten an gegen Amtsinhaber Joseph Blatter, Fifa-Chef seit 1998. Die heiße Phase des Wahlkampfes beginnt kommende Woche in Wien. „Ich mache keinen Wahlkampf, ich bin der Präsident“, sagte Blatter zwar. Beim Kongress des europäischen Verbandes Uefa hält er aber wie alle vier Kandidaten Reden, ein direktes TV-Duell lehnte Blatter ab. Es muss sich zeigen, wie groß der Rückhalt ist für die Herausforderer Michael van Praag aus Holland, Luis Figo aus Portugal und Prinz Ali bin al Hussein aus Jordanien. Die drei Kandidaten könnten sich Stimmen wegnehmen. Wer Gewinnchancen haben will, muss den Nationalverbänden mehr Gegenleistungen versprechen als Blatter, der den Weltverband in- und auswendig kennt. „Mein Wahlkampfprogramm sind die 40 Jahre Arbeit in der Fifa“, sagt er selbstsicher.

Fifa-Chef Sepp Blatter am Freitag in Zürich.
Fifa-Chef Sepp Blatter am Freitag in Zürich.Foto: AFP

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