Politik : „Wir blicken nach vorn“

Vizepremier Kuci über die Zukunft des Kosovo

Seit drei Monaten ist das Kosovo ein unabhängiger Staat. Wann schicken Sie einen Botschafter nach Berlin?

Deutschland war eines der ersten Länder, das uns anerkannt hat, dafür sind wir sehr dankbar. Ihr Land wird daher auch eines der ersten sein, in das ein Botschafter entsandt wird. Zunächst muss allerdings unsere Verfassung in Kraft treten. Das wird am 15. Juni geschehen.

Was hat sich im Kosovo seit der Unabhängigkeit verändert?

Kosovo ist nun ein freier und moderner Staat. Eine Verfassung wurde verabschiedet, und die Regierung hat sich auf einen Plan zur EU-Integration des Kosovo verständigt. Gleichzeitig haben wir damit begonnen, unseren Pflichten gegenüber der internationalen Gemeinschaft nachzukommen, die aus dem Plan für eine überwachte Unabhängigkeit, dem Ahtisaari- Plan, hervorgehen.

Welche Ziele hat sich Ihre Regierung für die nahe Zukunft gesteckt?

Eines der wichtigsten Ziele ist, unsere Grenzen zu schützen, denn im Norden versucht Serbien, unsere Souveränität infrage zu stellen. An zweiter Stelle steht das Ziel, die Minderheiten in den neuen Staat zu integrieren. Wir wollen einen geräuschlosen Übergang gewährleisten und die Wirtschaft ankurbeln.

Die Menschen in Ihrem Land hoffen auf eine rasche Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Wie wollen Sie Jobs schaffen?

Kosovo ist reich an Rohstoffen, deshalb wollen wir möglichst schnell den Minensektor modernisieren. Wir wollen Tourismus entwickeln und den Boden für ausländische Investitionen bereiten. Im Juli findet eine Geberkonferenz statt, auf der wir einen Plan vorlegen werden.

Kritiker der Unabhängigkeit sagen, die organisierte Kriminalität habe mit dem Kosovo einen eigenen Staat bekommen. Was sagen Sie dazu?

Wer das behauptet, ist nicht gut informiert oder will unser Land in ein schlechtes Licht rücken. Das Kosovo steht unter internationaler Kontrolle, und unter dieser Kontrolle bauen wir ein Rechtssystem nach internationalen Standards auf. Wer einen Verdacht hat, der kann ihn also vor Gericht vorbringen.

Wie wollen Sie das Vertrauen der serbischen Minderheit gewinnen?

Wir haben bereits eine sehr gute rechtliche Grundlage geschaffen. Außerdem gibt es Serben in der Regierung und im Parlament. Vor allem aber muss deutlich werden, dass wir den politischen Willen haben, die Minderheiten zu integrieren. In den serbischen Enklaven im Süden sehe ich keine Probleme. Im Norden hingegen, wo die meisten Serben leben, gibt es noch viel zu tun.

Am Sonntag sollen die Bewohner dort sogar an den serbischen Parlamentswahlen teilnehmen. Werden Sie tatenlos zusehen?

Wir werden keine Gewalt anwenden. Belgrad vermittelt den Menschen die Illusion, dass das Kosovo wieder serbisch wird. Aber das wird das letzte Mal sein.

Welchen Einfluss hat die Wahl in Serbien auf das Kosovo?

Nicht mehr als auf andere Staaten der Region. Aber natürlich wäre vieles für uns einfacher, wenn in Belgrad eine proeuropäische Regierung gewählt würde.

Was erwarten Sie von einer Regierung unter Führung nationalistischer Kräfte?

Wenn das der Willen des serbischen Volkes ist, werden wir es respektieren. Ich möchte hinzufügen, dass wir nicht in die Vergangenheit schauen. Wir werden die Vergangenheit nicht vergessen, aber wir können sie auch nicht mehr ändern. Jetzt wollen wir nach vorn blicken.

Das Gespräch führte Ulrike Scheffer.

Hajredin Kuci

ist stellvertretender Premierminister des Kosovo. Der Jurist ist Vorsitzender der Verfassungskommission des Landes. Er ist Professor für internationales Recht.

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